Über Hawai’i (2014)

Also, Hawai’i. Um die dringendsten zwei Fragen gleich zu beantworten: Ja, Hawaiihemden werden hier getragen. Besonders die khaki-grünen mit beigen Blumenaufdruck erfreuen sich großer Beliebtheit bei Busfahren, Bibliothekaren und weiteren Männern mittleren Alters in mittelschichtigen Bürojobs. Und nein, Paul Kuhn irrt. Es gibt Bier auf Hawai’i. Sogar mehrere eigene Brauereien, wie zum Beispiel die Kona Brewing Company auf Big Island. Allerdings entspricht nur das „Longboard Island Lager“ wirklich dem, was man hierzulande unter „Bier“ versteht. Ananas, Kokosnüsse, Kaffee, Schokolade – die Hawaiianer sind stolz auf ihre eigenen Erzeugnisse, so stolz, dass sie sie mit Vorliebe untereinander kreuzen. Besonders von dem „Pipeline Porter“ genannten Kaffeebier ist uneingeschränkt abzuraten.

Von nun an soll es mit diesem Reisebericht aber völlig klischeefrei weitergehen. So klischeefrei sogar, dass es für den ein oder anderen Leser mitunter eine Enttäuschung bedeuten könnte, denn das „Surfen“ beispielsweise, soll hier überhaupt gar keine Erwähnung finden, eigentlich, aber man muss natürlich erwähnen, dass man es nicht erwähnt. Denn  – ja! –  es gibt hier besonders im Winter diese hohen, diese haushohen Wellen, und dazu sehr viele  Menschen mit sandverkrusteten Haaransätzen, die erst Blumenketten, genannt Leis, über die Statue des Duke in Waikiki werfen, und dann auf das Meer starren, ausharren, um sich im vermeintlich perfekten Moment mit Bauch zuerst in die Fluten zu werfen. Was dem Anwohner ruhiger Gewässer das Angeln ist, ist dem Hawai’i Bewohner das Wellenreiten. Das ist bekannt, aber mir eben, werter Leser, völlig gleichgültig. Mich interessieren ja andere Dinge.

Wie der Humuhumunukunuku?pua‘a zum Beispiel. Humuhumunukunuku?pua‘a ist Hawaiisch und heißt „Drückerfisch mit einem Maul wie ein Schwein“. Der Humuhumunukunuku?pua‘a muss hier erwähnt werden, denn wer immer in Hawaii, mit einem Hawaiianer über die Hawaiische Sprache redet – sie erlebt gerade eine Renaissance – der wird etwas über diesen Fisch hören. Denn der Humuhumunukunuku?pua‘a ist nicht nur Beweis für die Schönheit der Hawaiischen Sprache, sondern auch amtierender Staatsfisch von Hawaii. Warum und wer das eigentlich entschieden hat, dass ausgerechnet ein klassischer Einzelgängerfisch, der sich auf den Riffterassen des Archipels von kleinste Einzellern ernährt zum Staatsfisch wurde, das konnte mir auf den Inseln bislang niemand sagen. Fest steht allerdings, dass der Humuhumunukunuku?pua‘a genau diametral zur Insel-Mentalität steht. Denn Hawai’i das ist immer  Gesellschaft, viel Essen und viel Essen in Gesellschaft.

Nach dieser Devise lebt auch die vierköpfige Familie Maala bei der ich den ersten Teil meiner Hawai’i-Reise auf O’ahu verbrachte. Die Maalas kamen vor sieben Jahren mit einem Studentenvisum von den Philippinen aus auf den Archipel. Die Inseln waren für sie das günstigste Eintrittsticket in die neue Welt, denn sie sind nicht so weit entfernt, wie die übrigen Vereinigten Staaten, die hier jeder nur das main land, das Festland nennt. Der Asiatische Bevölkerungsanteil Hawai’is ist groß. Philippinos, Japaner, Thais, Hawaiier. Die Inseln sind ein asiatischer Schmelztiegel mit einem Schuss besockter Weißer und ebenso besockter, weißer Touristen. Die Maalas lieben Hawaii. Gerne erzählt Frau Maala, dass ihr Vater, einst in Ingenieur auf den Philippinen, jetzt als Begrüßer bei Walmart in Honolulu mehr verdient. Und trotzdem, das Sechs-Zimmer-Haus, das die Maalas bewohnen, teilen sie mit fünf zahlenden Gästen. Die ganze Familie, Mutter, Vater, zwei Keiki, also Grundschulkinder wohnen in einem Zimmer. Hawai’i ist noch immer einer der teuersten Orte der Erde. Der Kassenbon der belegt, dass ich in einer Walmart-Filiale in Ala Moana einen Great Value Plain Greek Yoghurt, ca. 900 Gramm, für sieben Dollar erstanden habe, hängt mittlerweile hochwertig gerahmt neben meinem Kühlschrank. Die Inseln nehmen, die Inseln geben.

Jeden morgen nachdem ich von den herabfallenden Brotfrüchten, des vor meinem Fenster stehenden Brotfruchtbaumes geweckt wurde – das muss man sich nicht so romantisch vorstellen, Brotfrucht auf Veranda bietet eine etwa klanggenaue Kopie des Phänomens Basketball auf Asphalt – gab es wirklich gutes Frühstück. In Zitrone und Knoblauch geschwenkten Ahi, Gelbflossen-Thunfisch, mit Nudelsalat und braunem Reis zum Beispiel. Allerdings ohne Kaffee. Denn die Maalas hatten sich bereits so gut in die amerikanische Kultur eingefunden, dass sie gleich auch Mormonen geworden waren. Jeden Montagabend spielten wir so mit anderen Mormonen und Missionaren aus Louisiana und Nebraska ein wenig Scharade. Dazu prasselte der tropische Regen auf das Holzdach. Es wurde sehr viel gelacht, niemals gab es dabei Alkohol. Und eigentlich auch keine Tragödien. An dem Tag als Patrick Seymour Hofman starb, freute sich Frau Maala, That’s wonderful, sagte sie, Now he is about to meet our maker.

Mit ihrem silbernen Toyota Corolla fuhr sie mich über die Insel wozu wir kantonesischen Schnulzenpop von Jacky Cheung hörten. In Honolulus China Town holten wir bei den chronisch schlecht gelaunten Händlern der täglichen Märkte frischen Fisch und Obst und Gemüse ein. Mit Frau Maala unterwegs zu sein, oder generell in Hawai’i unterwegs sein, bedeutet aber auch gleichzeitig: etwas essen. Wenigstens Pupus, leichte kleine Speisen. Typisch für Hawai’i ist Poke, Zerhacktes. Das original hawaiische Poke besteht aus Schweinefleisch und Maui Zwiebeln.  In China Town aber aßen Frau Maala und ich rohes Fischpoke garniert mit Sesamöl und essbaren Blumen. Wenn wir danach noch Appetit hatten, kaufen wir uns den nächsten kleinen Snack, wie zum Bespiel gekochte, violette Süßkartoffeln, die in kleinen Ringen geschnitten verkauft werden und wirklich wunderbar süß schmecken.

In China Town entdeckte ich auch die „Classic Art Gallery“ – das nach dem Prinzip der Petersburger Hängungen eingerichtete Studio des Wasserfarbenkünstlers Ding Quan Liu. Am liebsten malt er Pferde. Seine Bilder tragen Namen wie  „Ein Ross in edler Art und Weise“ und „Mutig, kraftvoll vorwärts“.  Der prominenteste Kunde der „Classic Art Gallery“ hängt auch gleich im Fenster, er heißt Barack Obama. Und Barack Obama  und Liu halten  auf der Fotografie im Fenster eben eines der Liu Wasserfarben-Pferde, mutig, kraftvoll, vorwärts lächeln sie in die Kamera. Liu hat Obama das Pferdebild für die Sammlung des Weißen Hauses geschenkt.  I’m touched by your thoughtful gesture hat Obama sich bedankt. Liu ist stolz. Der auf O’ahu geborene Präsident ist das Aushängeschild der ganzen Insel.

Das Zippys Diner auf der McCully Street etwa wirbt damit, dass Obama hier früher immer besonders gerne Burger und Fritten gespeist hat. Die wenige Fußminuten entfernte Punahou High School, die Obama bis 1979 besuchte, ist seit seines Amtsantritt  eine der beliebtesten Elite-Schulen des Landes. Jedes Jahr kommt Obama einmal zurück auf den Schulhof um in Sweatshirt und Schlabberhose, ganz  Körbe zu werfen. Und alle Hawaiianer, die denken dann: We’re touched by your thoughtful gesture.

Eines morgens weckte mich Frau Maala dann zu einer wirklich un-mormonischen Zeit. Gegen meine sachte Gegenweher lud sie mich in ihren Corolla. Ich sollt es was erleben, sagte sie mir. Etwas illegales. Wir müssten uns also beeilen bevor die Security Guards unser Unternehmen vereiteln könnten. Ich war zu müde um besorgt zu sein. Jacky Cheung sang, wir fuhren eine ganze Weile, hielten auf einem Parkplatz, dann zog sie mich an der Hand, durch viel Grün, der Highway rauschte ganz in der Nähe und vor einem silbernen, an einen Hang angebrachten Geländer machte sie Halt. Geh da rauf, sagte sie dann. In zwei Stunden hol ich dich hier wieder ab.

Und dann war ich alleine mit einem von einem Geländer umgebenen Weg aus etlichen Stufen und rostigen Platten. Steil bergauf ging es und gleich darauf,  wieder steil bergab, wie eine Achterbahn zu Fuß. Feuchter Farn strich um meine Waden, ab und zu bekam ich es bei dem provisorisch anmutendem Anblick der Stufen und dem gleichzeitigen imposanten Ausblick nach unten, mit dezenter Panik zu tun. Aber am Ende, auf einer Plattform hoch über dem Ha?ik? Valley, hoch über der gerade erwachenden Insel, war ich dann einfach nur so berauscht von Natur und Lichtern in der Ferne, dass es sich wirklich kaum beschreiben lässt.

Als ich wieder unten war erfuhr ich, dass das der sogenannte Stairway to Heaven war. Eine Treppe die 1942 angelegt wurde um Antennenkabel zu verlegen, sich über die Jahre aber zu einer Touristenattraktion entwickelt hatte. Die Stufen wurden immer mal wieder ausgebessert. Nachdem aber der Insel-DJ Fritz Hasenpusch, der in den Siebzigern mit der Band Shnazz die Hüften der Insulaner zum kreisen brachte, einen wahrscheinlich altersbedingten Herzinfarkt auf den Stufen erlitt, waren sie offiziell zur Gefahrenzone erklärt. Ab acht Uhr morgens kommt ein Sicherheitsmann. Dass er zu Schichtbeginn immer auf die ersten Frühmorgendlichen Treppen-Rückkehrer trifft, nimmt er mit einem Schulternzucken hin. Zurück im Auto hatte ich noch immer ein herrliches Rauschen auf den Ohren und Frau Maala hatte ein Frühstück für mich. Gefroren Acai-Beeren-Mousse mit Honig und Müslikrumen aus einem Plastikbecher. „Aloha“, sagte sie nur.

Denn zweiten Teil meines Hawai’i-Auftenhalts verbrachte ich auf Maui. Genauer in Maui Meadows. Das ist ein Ort, den man eigentlich kaum von einer  Golfanlage unterscheiden kann. Ich schlief an einem Hang, bei Bonnie, einer kleinen Dame mit weißem Haar zu weißen Baumwollkleidern und dem mit großer Wahrscheinlichkeit schönstem Haus in dem ich je war. Über eine kleine Teakholztreppe erreicht man ihre immer offen stehende Tür. Es klimpert leicht und dahinter erblickt man einen Südsee-Traum aus beige und pastellfarbenden Mobilar, neben schweren Ölbildern, glänzenden Skulpturen und dem Geruch von frisch gebrühtem Maui-Kaffee. Der große Balkon, –natürlich inmitten von Palmen und riesigen Farnen – wurde zu meinen Maui Medows Lieblingsort. Ich hatte wirklich große Schwierigkeiten Bonnies Polstermöbel zu verlassen und die Insel zu erkunden. Auch weil Maui seine Besucher eben so angenehm sediert. Ich bin ein hochneurotischer Mensch, doch kaum war ich in Kahului gelandet, und hatte die ersten zwei Atemzüge Maui-Luft genommen, war jeder Muskel meines Körpers entspannt. O’ahu ist ein Rummelplatz. Maui ein Wallfahrtsort.

Immerhin schaffte ich es nachts den Balkon zu verlassen. Meistens ging ich dann ins Bett. An einem Abend aber wollte mal etwas anderes machen als schlafen. Ich dachte, es sei eine gute Idee mir den  Haleakal? Vulkan anzusehen – im Sonnenaufgang. Nun ist dazu zu wissen: In Amerika ist man niemand ohne Auto. Und ich war natürlich ohne Auto. Bonnie hatte mir eine rosa Plastiktaschenlampe rausgelegt, und mit der schlich ich in das des nachts kaum beleuchtete Maui hinaus. Im schönsten Grillenzirpen lief ich  also zu Fuß über den High Way. Ich würde hier nun gerne hinschreiben, dass ich dann fünf Stunden lief, und auch den Haleakal? Vulkan nach oben. Aber so war es ja nicht. Ich ging nur bis zu einem nahe gelegenen  Restaurant-Parkplatz, auf dem mich der Van eines Fahrradverleihs auflies und mich mit Fahrrädern im Gepäck auf dem  Vulkan raufzufahren. Runter würde ich dann rollen  – also mit einem Rad.

Der Haleakal? ist in etwa so hoch wie die höchsten Berge im Oberengadin. Sein Kraterumfang misst rund 34 Kilometer. Er  zählt zu den größten Vulkanen der Erde, das zumindest erzählte der Fahrer, putzmunter um zwei Uhr nachts, während das Radio mal wieder Bruno Mars spielte. Bruno Mars ist neben Jack Johnson der berühmteste Gegenwartsmusiker der Inseln. Er wurde in Waikiki geborenen, einem Ort der so gastlich ist, dass er schon wieder ungastlich ist. Über Bruno Mars Musik lässt sich das Gleiche sagen. Der Fahrer aber summte laut mit, die Hawaiianer  lieben ihren Bruno Mars wie ihren Barack Obama und auch ihren Haleakal?. Der Fahrer sagte, dass er schon einige Berühmtheiten  auf den Vulkan gefahren habe. Julia Roberts etwa und Chris Rock. Und, dass es sehr lustig sei, dass die Vulkanbesucher meisten so hingerissen seien von der Tuffsteinlandschaft und dem Sonnenaufgang aus über 3000 Meter Höhe, dass sie die Celebrities unter ihnen gar nicht bemerkten.

Am Fuß des Vulkans machten wir halt, und trafen dort auf ziemlich genau 30 müde Menschen in gelben Anzügen. Schutzanzüge. Sie sahen als, als würden sie gleich alle gemeinsam in einem Chemie-Labor ein paar Amphetamine zusammen kochen, eigentlich aber sollten sie aber nur gegen Regen und Kälte gewappnet sein.  In Amerika geht man auf Nummer sicher. Fünf Grad sollten es oben auf  dem Vulkan eben nur sein. Für die Hawaiianer ist das natürlich unvorstellbar kalt. Nach einer halben Stunde kurviger Busfahrt durch die Dunkelheit, war es auch oben auf dem Vulkan auch einfach nur dunkel. Und zusätzlich auch noch kalt. Menschen, die sich kurz zuvor noch nicht kannten, drängen sich wie Pinguine Bauch an Bauch aneinander. Es war eine große, gelbe Schutzanzug-Formation, von Maui-Winden umpfiffen und alsbald von Maui-Regen beregnet. Der sehnsüchtig erwartete Sonnennaufgang passierte dann einfach so, ohne dass man etwas davon mitbekam. Es war dann irgendwann einfach hell und diesig. Die Wolken versperrten jede Sicht. Dem Fahrer tat das halt unfassbar leid. Auf seinem iPhone zeigte er fotografische Beweise davon, dass das Wetter hier auch schon mal anderes gewesen war, und mit Sicht hier eigentlich schon der  schön gewesen wäre. Wir alle lächelten schwach. Der Regen wenigstens war stärker. Dann mussten unsere Fahrräder besteigen. Dafür hatten wir schließlich bezahlt.

Zurück am Fuß des Vulkans übergab ich dem Fahrer mein Rad und den Anzug. Wie es war? Rasant, sagte ich. In Amerika sagt man entweder nichts, oder etwas positives. Chris Rock war heute auch mit dabei, sagt er mir dann. Und seine Familie. Du hast ihn nicht bemerkt? Siehst du, so schön ist der Haleakal?!

So schön ist Hawai’i.