Über Joni Mitchell

Sie hat es oft gesagt. In vielen Interviews. Immer wieder: „Denen, den meine Musik am meisten gibt, die finden sich selbst in ihr wieder.“ Wer aber muss man sein, um sich in Joni Mitchell zu hören? Muss man ihr ähnlich sein? Vielleicht nicht ähnlicher, als sich sowieso alle Menschen ähnlich sind. Denn Joni Mitchell, das ist zunächst eine Tochter.

Eine Tochter einer übervorsichtigen, konservativen Mutter, die nichts mehr mied als das Zeigen und Zulassen großer Gefühle. Die Tochter einer durch und durch kontrollierten Frau, die Liebe in Sorge ausdrückte, in ständigen Korrekturen und dem Anhalten zur Disziplin. Einer Frau, der die Ordnung der Dinge, ihr Haushalt, über die Maße wichtig war, denn er drückte ihre Kontrolle über das Leben und seine Unabwägbarkeiten aus.

„Mama she believes in cleaning“

Die einzige Unordentlichkeit, die Myrtle Anderson ihrer Tochter erlaubte, damals in Saskatoon, Saskatchewan, der Kanadischen Prärie, das war das Malen an ihrer Kinderzimmerwand.                                                            Roberta Joan Anderson malte einen Baum.

Ihr erstes Instrument, eine Ukulele, kaufte sie nach einem Streit mit der Mutter. Die sagte, oh, nein, nein, wir werden dir keine Gitarre kaufen, das lohnt sich nicht, du wirst sie einfach liegen lassen. Denn du bist niemand, der die Dinge durchzieht. Du wirst aufgeben.

Aber die Tochter spart ihr Taschengeld und kauft sie sich selbst. Nimmt sie überall mit hin, spielt so viel, dass Freunde sich wünschen, sie würde aufgeben. Aber sie tut es nicht.

Oft hat die Tochter das Gefühl, die Mutter ist es eigentlich, die aufgeben will, das Leben in Saskatoon, ihre kleine Welt verlassen, und damit auch sie – die Tochter. Aber die Mutter bleibt, es sind die späten Fünfziger und später die frühen Sechziger, die Idee, was es bedeutet eine Frau zu sein, sollte sich jetzt für immer verändern. Es ist kein Wunder eigentlich, dass Myrtle Anderson Schwierigkeiten hat, ihr Kind zu verstehen, das nicht nur von Freiheit träumt, sondern sie sich auch nimmt.

Ihr Lebenslauf, damals ist er ungewöhnlich für eine Frau, heute ist er nur noch ungewöhnlich. Mit acht bekommt sie Kinderlähmung. Monate lang ist sie allein im Krankenhaus. Ihre Mutter besucht sie an Weihnachten. Der Vater besucht sie gar nicht. Mit neun singt sie Sopran im Kirchenchor. In den Pausen lernt sie das Rauchen, das ihr über die Jahre eine ganze Oktave kosten wird. Nach der High School geht sie auf die Kunsthochschule in Calgary. Sie bricht sie ab, aber hört nie auf zu Malen. Bis heute sieht sie sich als Malerin zuerst, versteht auch das Komponieren, als eine Art zu Malen. Beides macht sie, später, so frei, wie es nur geht.

Die Unordnung des Selbst, in all ihrer ihr inhärenten Schönheit ausstellen – das ist ihre Kunst. Joni Mitchells Songsstrukturen wiederholen sich nicht. Das Ohr gewöhnt sich nicht. Immer wieder nehmen sie einen mit. Anders mit. Ihre einzelnen Strophen sind so stark wie der Refrain der ordentlichsten Songstruktur eines Anderen. Ihre Akkorde sind offen. Sie nennt sie „chords of inquiry“. Fragende Akkorde.

Die Liebe ist eine ihrer Fragen. Genauer: das lebenslange Suchen nach Zugehörigkeit, fernab der eigenen Wurzeln. Allein sein. Es brauchen, und doch nicht wollen. Gitarre spielen bringt sie sich selbst bei. Sie lernt es mit Hilfe der „The Folksinger’s Guitar Guide“-Anleitungsplatte von Pete Seeger. Gitarre spielen lernt man wie Laufen, erklärt Seeger da. Man kann sie sich auf YouTube anhören heute. Alleine lernen, fast wie Joni.

Ihre ersten regelmäßigen Auftritte absolviert sie in einem Club in Calgary. Er heißt „The Depression!“. Sie singt Schottische Balladen und Seemannslieder. Sie kann jede Note singen. Sie begleitet sich auf der Bariton Ukulele und lernt einen Mann kennen. Beinahe sofort wird sie schwanger. Der Mann wird sie verlassen, und sie wird ein Kind haben. Sie ahnt es. Es ist der Moment, als sie zum ersten Mal eine Ballade in Moll schrieb. Day After Day.

Im Februar 1965, Joni ist gerade 21 Jahre alt, bekommt sie eine Tochter, und der Vater hat sie verlassen, aber das ist ein Neuer. Chuck Mitchell ist Folksinger. In den Dokumenten mit denen sie ihre Tochter zur Adoption aufgibt steht: „Die Mutter verließ Kanada, um eine Karriere als Folksängerin in den USA zu starten“ Joni Mitchell ist eine Egoistin, könnte man sagen. Joni Mitchell sucht die Freiheit, die ihre eigene Mutter nie hatte, könnte man auch sagen.

Sie treten gemeinsam auf – und sein Name nimmt es vorweg – sie treten gemeinsam vor den Altar. Aber auch dieser Schritt sichert ihr nicht den Platz in der Welt, sie schreibt Songs über Flucht, über den Urge for Going – das Verlangen auszubrechen. Denn er liebte nur ihren Körper, nicht ihr Selbst. Sich viel auf seine formelle Bildung einbildend, hielt er sie klein. Jonis Talent aber war viel zu groß, als dass sie gemeinsam hätten wachsen können. Sie lassen sich scheiden. Mit 24 schon hat sie alles gelebt, was für ein Normleben vorgesehen ist.

Im Flugzeug liest sie Saul Bellows „Regenkönig“, und Bellows schreibt: „Die Wolken von beiden Seiten gesehen haben“ Sie ist jung und im Flugzeug, aber sie glaubt, sie versteht das. Was sagt das Alter über das Erfahren aus? Both Sides Now schreibt sie noch im Flug. Der Song wird bekannter als das Buch, das sie nie zu Ende liest. Bob Dylans Organist Al Cooper hört ihn, empfiehlt ihn Judy Collins. Judy Collins macht ihn zum Top Ten Hit und gewinnt einen Grammy. Mitchell kann Collins und Collins Version von Both Sides Now nicht leiden. Aber Collins lädt Mitchell, gemeinsam mit einem jungen Mann namens Leonhard Cohen, zum Newport Festival ein.

Sie treten auf, sie werden Freunde und ein Paar. Er gibt ihre eine Leseliste. Lorca und Camus. Sie stellt fest, er hat in seinen Texten von ihnen abgeschrieben. Sie schreibt Cohen in ihr Werk. Chelsea Morning.

Der Manager ihres Freundes Neil Young wird auch ihr Manager. Eigentlich wollte sie keinen, aber er hat Humor, und sie mag Menschen mit Humor. Joni Mitchell, heißt es, ist viel lustiger als ihre Texte. Aber Neil Youngs Manager bekommt für Mitchell zunächst keinen Plattenvertrag. Die Plattenfirmenbosse aber wollen alle eine Kopie ihres Tapes. Sie sagen, es sei für ihre Frauen, aber hören es dann selbst. Die Zeit des Folk ist gerade vorüber, sagen sie aber. Es hat nichts mir Joni zu tun. Sie sei zur falschen Zeit am falschen Ort. Aber Joni tut nicht, was ihre Mutter einst prophezeit hat. Sie gibt nicht auf. Sie spielt Show um Show.

In Miami, Coconut Grove, sieht David Crosby, der Gitarrist der Byrds, sie spielen. Er produziert ihr Debüt SONGS TO A SEAGULL. Ihre Stimme und eine Gitarre. Es erscheint 1968. Ihre Hits –  Sides, Chelsea, Urge  die von anderen bereits gesungen wurden, sind nicht darauf. Sie hat neue Songs geschrieben – über die Sehnsucht nach Freiheit und die Angst sich Festzulegen. 

Als Greenwich zu Ende war, hatte der Laurel Canyon noch nicht richtig begonnen. Mit ihrem Agent David Geffen war sie von New York nach Kalifornien gezogen. Lookout Mountain. Ein Haus aus grünen Holz. Die Stehuhr von Leonard Cohen, der Zierteller aus Saskatoon. Von ihrem Esszimmerfenster aus schaut man auf Frank Zappas Ententeich. Als ihre Mutter sie besucht, schwimmen darin drei nackte, jungen Frauen.Ihre Mutter ist entsetzt. Wo wohnst du hier?

In der Nachmittagszeit tönt von überall Musik. Buffalo Springfield. Carole King. The Eagles. Graham Nash, ihr Freund, ihr Geliebter, sagt, es war wie Wien um die Jahrhunderwende. Graham Nash war nie im Wien um die Jahrhundertwende.

1969 Mitchell schreibt Woodstock, obwohl sie nie da war. Und sagt später, es war kein „obwohl“, es war ein „eben gerade deswegen“. Denn wäre sie da gewesen, wäre ihr Woodstock vermutlich nicht „golden“ vorkommen, hätte sie vermutlich kein „we“ gedacht, dass dort „back to the garden“ fand. Denn wäre sie da gewesen, wäre es nicht das Paradies gewesen, es wäre Wettkampf, Neid und Ehrgeiz gewesen. Es ist immer leichter zu verehren, was man nicht kennt. Vorstellung ist immer romantischer als Realität.

1969 spielt sie zum ersten Mal die Carnegie Hall. Sie lässt ihre Eltern aus Kanada einfliegen. Ihre Mutter sieht sie vor der Show. Joni trägt einen weiten Mantel und viele Ketten locker um den Hals. Die Mutter Perlen, eng am Hals. Sie sagt, oh Joan, in diesen Lumpen wirst du mir nicht auf die Bühne gehen.

Sie lässt es aussehen, als würde die Tochter ihre Eltern degradieren, mit ihrem Aussehen, Auftreten, dem Auftritt in der Carnegie Hall. Aber am Ende – davon gibt es ein Foto – hält Joni nicht nur einen großen Blumenstrauß in der Hand, sondern auch ein Plakatherz auf dem steht

„Dear Joni, New York LOVES YOU“

1970 erscheint auf  LADIES OF THE CANYON ein Song namens Big Yellow Taxi. Es ist Pop, er entstand in der notwendigen Enttäuschung ihres erstes Besuchs von Hawaii – das von Amerika asphaltierte Paradies. In Willy singt sie über ihre Liebe zu Graham Nash, den sie an David Crosby verliert. Denn sie werden Crosby, Stills, Nash & Young. Mitchell geht.

Und kommt in Matala, an der Südküste Kretas, an. In einer Strandbucht leben junge Menschen. Hippies. Sie mischt sich unter sie, sie sagt, weil sie in Kalifornien nicht bleiben konnte. Sie fühlt sich eingeschränkt. Von ihrem Erfolg. Sie will sich frei bewegen. Ich möchte ein eigenes Leben haben, sagt sie. In Matala weiß niemand, dass Crosby, Stills, Nash & Young mit Woodstock auftreten.

Durch ihren Erfolg fühlt sie sich auf einen Podest gestellt. Sie will ihn ins Schwanken bringen. Will denen, die sie verehren, zeigen, wen sie da verehren. Sie stellt sich mit dem Stift. Schreibt BLUE. Das Album, an dem sie immer wieder gemessen werden sollte. Weil es zu seiner Zeit the most confessional war. Das Album, wegen dem Bob Dylan tangeled up in blue war. Das Album, in das sich Generationen von Töchtern und Söhnen hineinhören sollten.

Irgendwann, sagt sie Jahre später in einem Interview, kommt der Tag an dem man realisiert, dass man ein Arschloch ist. Von dort aus muss man an sich arbeiten. Darum geht es auf BLUE. Sich finden. Sich erschrecken. Sich besser neu erfinden. Ganz nebenbei erfindet Mitchell den love song neu. Als Lied über Liebe, weder schwärmend noch sehenden. All I Want  sagt wie es ist: „Oh I love you, when I forget about me“

River schreibt sie über die, die sie war mit Nash. „I’m so hard to handle. I’m selfish and I’m sad. Now I’ve gone and lost the best baby that I ever had“ Sie ist die, die mit dem Bild der Frau als der Gebrochenen bricht. Sie ist schwierig, und sie weiß es. Die Veröffentlichung schockt.

Wie ehrlich ist zu ehrlich?

BLUE wird ihr über die Zeit bestverkauftes Album. Auch COURT AND SPARK (1974) für das sie erstmals mit einer Jazz-Band in das Studio geht, wird von der Kritik geliebt. Doppelplatin. Billboard Platz 2. Sie ist da, sie hat alles, aber wo man ist kann man nicht bleiben. Sie weiß das. Sie singt das: „Everything comes and goes. Marked by lovers and styles and clothes“

Sie hat keine Angst. Anders als Dylan oder Cohen hatte sie nie ein Konzept. Nie ein Charakter hinter dem sie sich versteckt hat. Und doch findet die Männerwelt Rollen für sie: das Girlfriend, die Muse, die Hippie-Aristokratin. Was sie ist, ist ein Genie. Sie verlässt die Melodien, den Pop, das Eingängige Richtung Atmosphären. Geht von Folk und Pop zum Jazz.  Ihre Songs werden länger, größer, frei umspannen mehr als nur ihre Geschichten. Werden Geschichten. Frei erzählt.

Auf DON JUAN RECKLESS DAUGHTER (1977) lässt sie ihre Musiker – Jazz Musiker, Bassist Jaco Pastorius, Saxophonist Wayne Shorter – improvisieren. Lässt sechs unterschiedlich gestimmte Gitarren gleichzeitig spielen. Nebeneinander. Die B-Seite ist ein Lied. Paprika Plains improvisiert sie vor einem Orchester auf dem Piano. Musik muss fließen, sagt sie, manchmal aber wird sie blockiert von einem Konzept. Dieses Mal lässt sie sich von keinem Konzept blockieren. Manche Lyrics, die sie auf die Hülle drucken lässt, singt sie nicht. Das Resultat es klingt, als wäre es ihr gerade so eingefallen.

Als Charlie Mingus Paprika Plains hört, ist er todkrank. Zu seinen letzten Kompositionen will Mitchells Gesang. Ihr Manager und David Geffen bitten sie, diese Kollaboration nicht einzugehen. Du wirst dein Publikum komplett verlieren, sagen sie. DON JUAN hatte ihr schon Gefolgschaft gekostet. Joni Mitchell aber hat wieder keine Angst. Mingus komponiert neu für Mitchell. MINGUS erscheint nach seinem Tod.

Die Kritik damals hasst es.

Die Kritik heute liebt es.

Anfang der Neunziger findet sie ihre Tochter wieder. Sie kommen sich näher, aber verlieren sich wieder. Sie bekommt einen Stern auf Kanadas Walk of Fame. Grammys. Lifetime Achivement Awards. Führt mit BLUE Listen an die heißen „Bestes Album einer Frau“ In Interviews sagt sie immer wieder: „Sie haben mir Preise verliehen, aber sie wissen nicht wofür.“

 Etheridge, Amos, Morissette beinahe die gesamte Singer-Songwriterinnen Generation der Neunziger gibt an: Ohne Joni Mitchell hätte es sie nicht gegeben. James Blake, Björk und Julia Holter machen ihr musikalische Erbe hörbar. Holters HAVE ON ME ist ein moderner Widergänger von COURT AND SPARK. Und der Neo-Folk – Joanna Newsom, Devandra Banhart – er spielt im Laurel Canyon die goldenen Zeiten von damals nach.

Bescheiden war Joni Mitchell nie. Was Kanye West heute macht, das tat sie schon lange, lange vor ihm. Van Gogh, Picasso, Miles Davis, Beethoven sieht sie als ihre Gleichen an.

Und doch steht sie 2005 bei der Hundertjahrfeier Saskatchewans auf der Bühne und sagt „Saskatchewan ist in meinem Blut, die karge Schönheit und die Gerüche, der Salbei, alles. Ich bin eine Flachländerin und Schluss.“

Sie veröffentlicht SONGS OF A PRAIRIE GIRL. Eine Sammlung all ihrer Songs mit Bezug zur Heimat. Wer wirklich gegangen ist, kommt am Ende zuhause an. 

2007 erscheint ihr bislang letztes Album SHINE.

2007 stribt ihre Mutter mit 95 Jahren.

In deinem Leben hattest du keinen treueren Unterstützer als deine Mutter, Joni, sagt der Reverend zu der Tochter während der Beerdigung, und liest dann ihre Zeilen:

„They think light is sqaundered.

But he sees a stray in the wilderness.

And I see how far I’ve wandered.“