Über die Zuneigung zur Kassette

Warum ich die Kassette liebe? Wie kannst du sie nicht lieben? Sie bietet dich dir an. Sie ist das einzige Musikspeichermedium zu dem du wirklich in Beziehung treten kannst. Kassetten machen Musik so anfassbar wie besabberbar. Sie ermöglichen dir dich der Musik zu ermächtigen. Das Werk des Künstlers wird zu deinem Werk. Ein einziges Lob der Kopie. Sie ist dein Werk- und dein Spielzeug. Deine Wut lässt ihre Bänder reißen, kleinste Schrauben fliegen. Dann tut sie dir Leid, die Kassette.
Was hast du gemacht?
Wie konntest du sie zerstören?
Die Schallplatte ist unnahbar und Aristokratie. Mache aber nicht den Fehler in der Kassette das Einfache, und das Volk zu sehen. Denn auch sie hat ihre Herrlichkeit. Ich sage nur zwei Worte:
Agfa Ferrocolor.
Wer so so schön heißt, dem möchtest du doch ein Gedicht schreiben, und es in dein rosa Kindermikrofon singen das mit einem Kabel an deinem Recorder hängt. Die Super Color gibt es Kanariengelb und Himmelhellblau. Du zerreißt ihr das Zellophan. Sie hängt am matt-goldenen Faden.
Zum ersten Mal wirst du ihre Hülle öffnen.
Immer ist sie störrisch, knackt, und quietscht.
Deine Finger fahren über die Hüllenunterkante. Ist sie glatt? Oder geriffelt? Und dann das ganze Papier – alles gehört dir.
Es ist ein neuer Anfang und es ist fast unmöglich ihn leise zu beginnen.
Da ist die große, breite Taste. Deine Kraft bedeutet hier was, löst etwas aus.
Kassettendeckklappen öffnen sich zögerlich.

Du fasst ihn hinein, und alles hat Ecken, manches dreht sich. Es tut an deinen Fingern weh. Die Kassette klappert beim Einlegen, und jede klappert anders, aber jedes Klappern klingt nach Kopfhörern mit Schaumstoff, klingt nach BASF und BBC Radio 1. Teenage kicks, so hard to beat. Dann kommt das weiße Band und das Rauschen. Bei einer selbst aufgenommen Kassette hörst du nun sogar den Moment in dem die Rec-Taste gedrückt wurde, als wäre das Band an dieser Stelle zerdrückt.
Alles mit deiner Kraft.

Es folgt das Knistern, die Verheißung, das etwas kommt. Vorfreude, Ankündigung, und Erwartung ist was jedem Stream und jeder MP3 fehlt.
Alles ist immer ein Jetzt und ein Sofort, einfach nur noch da, und dabei doch genau eins nicht: eben da.
Was heute fehlt, das ist das Rauschen vor der Musik.
Dumpf beginnt das erste Lied, denn auf den Eisenbändern fehlen die Höhen, und auf dem Chromband die Tiefen.
Musik verändert sich auf Kassette, wird dreckig, schmutzig, manches mehr monoton.
Knistert, wie mit Sicherheitsnadeln zusammengehalten.
Neue Musik altert auf Kassette in fiktive Vergangenheiten hinein.
Shut up, kiss me, hold me tight.
Angel Olsen ergießt sich aus einem Kassettenrecorder wie zäher, alter Nagellack.
Klack. Bruch, Glanz und Geruch.

Und dann ist da die Attraktivität der Intimität. Kassetten hören ist ein geheimer Akt. Streams und Computer verbinden dich mit allen, mit der Kassette bist du allein. Ihr zwei, völlig ungestört in einem Schrank, in einem Zelt. Und nirgends wird ein Protokoll erstellt.

Der Kassettenrecorder ist wie du. Er geht nicht einfach aus, wie ein Notebook oder Smartphone. Nein. Leiernd geht ihm die Kraft aus.
Plötzlich singt alles so viel tiefer, langsam wird ihm schlecht, und das ist das Ende.
Pass auf, dass er auf der Suche nach letzter Kraft nicht gefräßig wird, das Band aus dem Plastik reißt.
Drücke: Stop.
Und dann vergiss alles, was man über Bleistifte sagt.
Nimm deine Fingerkuppe, stecke sie zwischen die weißen Zähne und drehe die Zeit zurück.
Es tut ein bisschen weh.
Der Zahnkranz bleibt dir eine Weile, erinnert dich an das, was sich vor deinen Augen so mühelos selbst entknittert hat.
Wenn sich im Leben, doch nur alles so leicht glätten ließe.

(Erschienen in MUSIKEXPRESS 03/2018)