Über den Wunsch Madonna zu canceln

Als Madonna in diesem Jahr die Eurovision-Song-Contest-Showtreppe nach unten lief, da brachte sie – Schritt für Schritt – ein ganzes Land dazu mit einer Tradition zu brechen. Denn es ist so Brauch: Deutschland, das Land mit der hässlichen Geschichte, entlädt am Tag nach dem ESC traditionell seinen Selbsthass. Es macht sich lustig, über die eigens nach Europa entsandten Interpreten, die farblosen, die mit guter Stimme nichtssagende Lieder singen. Am Tag nach der vorprogrammierten Niederlage stehen sie mustergültig für die Bürokratie in der deutschen DNA, die der Leidenschaft und dem Wahnsinn einer gelungenen Pop-Extravaganza diametral gegenüber steht. Dieses Jahr aber kam es nicht zur Katharsis. Denn Madonna hatte „Like A Prayer“ zu tief gesungen, und war außerdem zu langsam eine Treppe herabgestiegen. Zudem stellte man fest: Sie ist nicht mehr so jung, wie vor dreißig Jahren. Genau genommen ist sie nun 30 Jahre älter. Und man sieht das. Tatsächlich! Zudem trug sie eine Augenklappe.

Die Kritiker, die sonst ihr eigenes Land für fehlende Verve verachteten, schrieben Twitter ab, schlossen:

Madonnas Karriere sei vorüber.

Ein Tag später antworteten die, die über ihr Urteil einen Tag länger hatten schlafen können. Es war 2019 und alle sprachen über Madonna. Und das, obwohl ihre geplante Provokation, den träumerisch unpolitischen ESC mit einer politischen Aussage zu sprengen, gar nicht aufgegangen war.

Ja, es war den Kritiker_innen gar nicht aufgefallen, dass am Ende ihres Auftritts zwei Tänzer, der Eine mit einer Israelischen und der Andere mit einer Palästinensische Flagge auf dem Rücken, sich umarmten. Und der Zusammenhang zwischen dem Tel Aviver-ESC Motto „Dare to dream“ sowie Madonnas Backdrop „Wake Up“ hatte sich ihnen auch nicht erschlossen. Wer nicht perfekt singen kann, macht schlechten Pop, so wurde geschlussfolgert. Die Queen habe sich selbstentthront. Eine ganze Karriere wurde kurzhand auf den Müll geschmissen. Als sei Madonnas Vermächtnis ihre Stimme, und nicht etwa etliche Codes und Bilder, die sich unauslöschbar in die Pop-Geschichte eingeschrieben haben.

Die Reaktion der Kritiker_innen war dennoch erwartbar. Denn Madonna hat die Welt so verändert, dass die Welt heute glaubt, Madonna sei überflüssig. So formulierte es die amerikanische Kulturhistorikerin Camille Paglia schon vor drei Jahren in einem Radiointerview, angesprochen auf die Anekdote, dass Madonna ihr bei ihrer Dankesrede zum „Billboard Woman Of The Year Award“ 2016 ein „Fuck it!“ entgegen geschmettert hatte, weil Paglia sie – angeblich – für ihre sexualisierte Selbstdarstellung kritisiert habe. Damals, Anfang der Neunziger, nach dem von MTV verbotenen „Justify My Love“-Video. Paglia lachte. Das hatte Madonna verwechselt, das waren sämtliche andere Feministinnen gewesen. Sie aber, Paglia, war Madonna-Unterstützerin. Sie hielt sie damals für die Zukunft des Feminismus, weil sie Sex darstellte, wie er nun mal sei. Roh und voller Machtspiel. Aber sie, Madonna, eben dennoch eine selbstbestimmte Haltung darin einnahm und eine selbstbestimmte Karriere führte, ihre eigene Regisseurin war. Paglia fand Madonna realistischer „als andere erklärte Feministinnen“, die in Paglias Augen wie Schulmädchen naiv seien, wenn sie auf Formeln wie „Nein heißt Nein“ bestünden, weil das „Nein“ doch Teil der sexuellen Verführung sei.

Das war 1990. 26 Jahre später hatte Madonna Camille Paglia zwar verwechselt, aber eben dennoch vor der MeToo-Welle, also bevor es Konsens – ja beinahe Ritual wurde – in einer Dankesrede über Misogynie in der Branche gesprochen. Über ihre Vergewaltigung. Und den Doppelstandard, dass Männer, wie Prince und Bowie, in Netzstrumpfhosen als artsy galten, während sie als Frau schlicht sexuell verfügbar schien. All das brachte sie rüber mit einem:

„Fuck it!“

Das ist Madonnas Essenz: „Fuck it. Dann bin ich eben keine Feministin, sondern eine schlechte Feministin.“ Auch auf die ESC-Kritik reagierte sie mit einem „Fuck It“. Schrieb auf unter ein Foto von ihr mit zugehalten Ohren: „Madame X hears no evil.“ Ihr Leitmotiv ist und war immer Trotz. Die Reaktion darauf, dass das, was sie war und wollte, nicht Konsens war, sondern eher unkonventionell, und damit oft als „schlechter“ galt. Aus ihrem ständigen Nicht-Passen wurde ein unbedingt auch nicht passen wollen. Eine Rage, die unter Pop-Sängerinnen vor Madonna eher kein Karriere-Motiv war. Cindy-Lauper-esk sorgte man lieber für keimfrei gute Laune. Und selbst wenn heute noch „Unterhaltung“ und „Bewunderung“ die häufigeren Leitmotive sind, findet sich inzwischen Wut en Masse im weiblichen Pop.

Beyoncés bestes Album ist ein Wut-Album („LEMONADE“), und selbst die allzu gezuckerten Werke von Lady Gaga und Taylor Swift enthalten Wut-Songs ( z.B „Swine“ oder „Look What You Made Me Do“).Und dann sind da die Pop-Sängerinnen, die man dem Zeitalter der Post-Wut zurechnen könnte, wie Jamila Woods. Die, die Wut nicht wollen, wenn sie singen, dass sie drüberstehen, sich nicht reizen lassen wollen von Rassismus und Misogynie („Zora“).

Sex als Selbstermächtigung ist heute mehr als normal. In Madonnas Fußstapfen folgten von Christina Aguilera über Janelle Monáe bis zu Nicki Minaj, Lizzo und Christine and The Queens etliche, und alle auf ihre Art und Weise. Was die meisten von ihnen aber von Madonna unterscheidet, ist, dass sie sich mit ihren Fans verbünden, gemeinsam zum Beyhive, zu Little Monsters oder Swifties werden.

Madonna aber beschimpft ihr Publikum. Nennt es „Unapologetic Bitches“ oder „Motherfuckers“. Sicher, sie meint das irgendwie positiv. Aber dennoch ist Madonna-Fan zu sein, wie Mitglied in einem Fitnessstudio zu sein. Es ist vielleicht zu deinem Besten, aber es ist Hard Candy. Da steht eine Frau über dir, und sagt: Gib verdammt nochmal alles!

Als sie ihr neues Album „MADAME X“ auf MTV vorstellte, trug sie eine Korsage, die einen vom Anschauen allein asthmatisch japsen ließ, dazu eine Reitgerte. Madonna steht für eine hart erarbeitete Form von Selbstermächtigung, und für die Härte des Kapitalismus – und damit passt sie nicht mehr in unsere Zeit. Denn Pop kündet heute von grenzenloser Selbstakzeptanz und Selbstliebe. „You woke up, flawless“, singt Beyonce?, “Who gonna share my love for me with me„, singt Jamila Woods, und Lizzo wacht auf und fühlt sich gleich wie eine Präsidentin (“Like A Girl”). Die Botschaft ist: Was immer du bist ist, ist okay. Das ist nicht Madonna. Vielleicht hat Camille Paglia also recht, wenn sie sagt, dass Madonnas Botschaften sehr viel realistischer und unverstellter sind.

Zum neuen Album heißt es allerseits, Madonna habe sich wieder neu erfunden. Kritisiert man sie nicht, sagt man das über sie. Es ein einstudierter Satz. Teil eines Gebets. Zutreffend ist er allerdings nicht. Denn Madonna hat sich seit 2005, also seit „CONFESSIONS ON A DANCEFLOOR“, nicht mehr neu erfunden. Sie wiederholt die stärksten Motive ihrer frühen Karriere – wie den Tanz und das sexy eingeschnürte Äußere – und mischt sie mit aktuellen Künstler_innen und Produzent_innen ab. Sie ist in die Phase der Musealisierung eingetreten. Etwa wenn sie singt: „I can Icon.“ („Icon“) oder das Publikum nach dem naiv klingenden „Like A Virgin“ anherrscht: „No one fucks with the Queen!“ So, dass der ganze Song seine Bedeutung ändert: Sie ist wie eine Jungfrau, weil sie sich von niemanden – Verzeihung – ficken lässt.

Ihr Lieblingsmotiv wiederholt sie immer wieder: die Beichte. So beginnt auch das das Video zu ihrem Reggeaton- ChaCha „Medellin“ mit einem Kniefall vor einem Kirchenfenster. Dann wiederholt sie ihre „Woman Of The Year“-Rede von 2016 in Gebetsform:

Ich werde nie das sein, was die Gesellschaft denkt, was ich sein soll. Denn ich habe zu viel erlebt. Ich wurde entführt, vergewaltig und gedemütigt. (…) Dennoch glaube ich an das Gute im Menschen. Ich danke Gott (…)

Religiosität ist bereits seit „Like A Prayer“ (1989) fester Bestanteil ihrer Bildsprache. Ihr ESC-Version zum 30. Geburtstag des Songs verstärkte sie mit einem Mönchschor. In der „RAY OF LIGHT“ (1998)-Ära thematisierte sie ihre Vorliebe für die Kabbalah-Lehre. Damals verstand man, Spiritualität ist ihr Antidot für ihre Rage. Die Frau, die jeden Tag mittels Workout gegen ihren Körper kämpfte, wurde durch Yoga gelassener. Obwohl sie natürlich jeden Tag Yoga machte. Mehrere Stunden. Ambition. Wille. Ehrgeiz.

Madonna ist und war immer gerüstet für einen Kampf. This is “what it feels like for a girl”. Die Augenklappe ist ihr „MADAME X“-Accessoire. Die Kostüme ihrer kommenden, vermutlich bewusst statischeren, Theater-Tour sind inspiriert von Joan of Arc. Für das Editorial zur Titelgeschichte der Vogue UK schlüpfte sie in Rollen inspiriert von Simone De Beauvoir, Frida Kahlo und Carson McCullers. Sie assoziiert sich mit feministischen Kämpferinnen. Aber nur mit denen, die schon tot sind.

In der „Billboard Woman Of The Year“-Rede sagte sie, dass sie eben nun mal alleine sei. Es gäbe keine wie sie, und damit übersieht Madonna natürlich etliche Frauen neben sich. Die Queen ist keine Teamplayerin. Als erfolgreichste aller Pop-Künstlerinnen ist sie die versierteste Athletin auf dem Trapez des Kapitalismus. Eine Einzelkämpferin, eine „Unapologetic Bitch“. Die unermüdlich für sich kämpft. Heute eben gegen Altersdiskriminierung, gegen die ständige Behauptung, nun sei ihre Karriere eben vorbei, weil sie – Tatsache – nicht mehr der Puls der Zeit sei, und zu alt für Pop, zu alt um sich sexy zu inszenieren. Sie muss Häme ertragen, weil sie nun nicht mehr so sportlich ist, wie vor zehn Jahren. Sie hat so viel erreicht, dass es keine größere Genugtuung zu geben scheint, als sie am Boden zu sehen. Sie, die Frau, die immer tat, was sie wollte.

Nachfolgende Generationen haben nun die Aufgabe das „bad“ und „bitch“ aus der Assoziationskette zur ambitionierten Frau zu streichen. Sie können von Madonna lernen:

Das tun zu was man will, ist harte Arbeit, bei ständigem Gegenwind. Das Plateau auf dem man für Vergangenes so sehr geschätzt wird, dass man sich aller gegenwärtigen Kritik entziehen kann, wird man nie erreichen.

Vor allem eben nicht, wenn man eine Frau im Pop ist.

(Erschienen in Musikexpress, 07/2019)