Tocs’R’Us

Das „Rote Album“ war eine Spritze Erdbeersekt direkt in das Herz appliziert. Erwachsene wurden im zuckrigen Fruchtwasser ihrer jüngsten Liebe zu Babys, umkreisten einander hart. Wo rot war, ist jetzt – fast drei Jahre später – schwarz. „Ich treibe weiter, seit ich noch ein Kind war, und es dauert an“ sind die ersten Zeilen auf „Die Unendlichkeit“. Es folgt: „Ich hab dich vielleicht belogen, und zwar immer dann, wenn wir uns am Nächsten waren.“ Wenn Liebe eruktiert, hängt man im Nichts, wie ein Astronaut nur mit einer Schnur am rettenden Raumschiff, für immer Kind, für immer auf der Flucht von da, wo man herkommt, und für immer auf der Suche nach dem, der man sein will, und für einen anderen vielleicht auch sein muss.

“Ich will mich verändern, doch wie fang ich’s an?“ Das 12. Tocotronic-Album blickt in großen Strecken zurück, erzählt die Autobiografie des Sängers und Songschreibers Dirk von Lowtzow. Warum ist er geworden, was er ist, und was kann heute noch der Morgen sein? Während andere „Hamburger“-Bands, wie die Goldenen Zitronen, Die Sterne, Blumfeld oder Tomte ihre Sänger fast immer ziemlich genau zu Beginn der zweiten Lebenshälfte zum Buchschreiben über die Jugend, den Tod, oder den Umzug nach Berlin ausgesondert haben, halten Tocotronic – immer schon die Klügsten ihrer Kohorte – an sich, und lassen von Lowtzwo ein Album über all diese Themen schreiben. „Die Unendlichkeit“ das ist ein Pop-Roman, lektoriert von Jan Müller, Arne Zank und Rick McPhail.

Und dieser Pop-Roman hat alles was nunmal dazugehört: eine klare Sprache, eine weitestgehend apolitischen Erzählfigur auf der Suche nach der eigenen Identität, etliche E- und U-Kultur Referenzen (Irmgard Keun! Oscar Wilde! Jimi Hendrix! Toy Story!), sowie zum Schluss die obligatorischen Selbstauslöschungsfantasien. Was ernst klingt, ist tatsächlich unendlich verspielt.

Das Cover ist ein Universum, dessen Sterne in der Dunkelheit fluoreszieren, wie die Dinosauriersticker, die Dirk von Lowtzow als Kind am Bett kleben hatte. Musikalisch beginnt dann alles mit einer E-Klavier lastigen Space-Opera, die nach dem Stichwort „Zärtlichkeit“ jede Schwerelosigkeit verliert, und unter Synthie-Blitzen in einem dunklen Sog hinunterzieht. Es grollt, wie nie zuvor ein Tocotronic-Song gegrollt hat: „In die Endlichkeit, und noch viel weiter“ – Dirk von Lowtzow gibt den Buzz Lightyear der Liebe. Zerlegt sich im Folgenden dann aber wie eine Lego-Figur. Jedes Lied ist ein biografischer Baustein. Die Band macht aber keine Unordnung im Spielzimmer, sie sortiert die Songs chronologisch. Eine Idee, auf die sie ihr Produzent Moses Schneider gebracht hat.

„Als Dirk anfing Texte zu schreiben, waren gar nicht alle autobiographisch“, sagt Jan Müller im Gespräch zum Album,“aber es schälte sich dann aus einem Kanon von über 20 Liedern heraus, das es dieses Mal zwingend ist diesen Weg zu gehen.“ Man habe aber darauf geachtet nicht zu persönlich zu werden. Denn zu persönlich, das ist pornographisch. „Tapfer und Grausam“ erzählt mit helleren Tastentönen von der Kindheit und den frühen Siebzigern. Die zweite Single „Electric Guitar“ malt die frühen Achtziger aus, erzählt unter Zanks wildesten Trommelwirbeln von der Entdeckung der Musik, und der E-Gitarre, als Waffe gegen die „Manic Depression im Elternhaus“. Die Saloontür zur Erwachsenenwelt wird aufgestoßen. Es ist ein mit Synthies aufpolierter Tocotronic-Western.

Von den späten Achtzigern handelt „Hey Du“. Von Lowtzow singt merklich höher, er sagt, das war nicht beabsichtigt, erst später sei aufgefallen, dass er „um Jahre verjüngt klinge“. Für den Hörer wirkt der Song, wie ein altes Spielzeug, ein Fühlbuch. Legen wir also nochmal die Hand auf die K.O.O.K-Ära, tasten wir da nochmal herum, wie die klang, und fühlen gleichzeitig nach, wie das als Jugendlicher war, in den Schulen und Kleinstädten in denen wir für unser durch Kleidung ausgedrücktes Anderssein verachtet wurden. Denn Tocs’R’Us. „1993“ hat einen ähnlichen Effekt. Es war das Jahr in dem von Lowtzow in die Welt aufbrach. Hamburg. Mit Müller und Zank zur Band wurde.

Insgesamt 3 von 12 Songs widmen sich also dem guten alten „Freiburg“-Topos, dem Ausbruch aus der „Schwarzwaldhölle“, der erst mit dem Mitte der Nuller Jahre spielenden „Ausgerechnet du hast mich gerettet“ abgeschlossen werden kann. Es ist eine Liebeserklärung an Berlin, die Stadt und das Biest, das von Lowtzow mütterlich liebend „zugedeckt hat“. Musikalisch sticht das orchestrale „Unwiederbringlich“ heraus. Es ist nach „Gott sei Dank, haben wir beide uns gehabt“ (1995) das zweite Lied für den früh verstorbenen Freund der Band. Es klingt wie ein Waldspaziergang, da sind Klanghölzer, eine Klarinette – oder doch ein fröhlich flötender Vogel? Der Tod ist mystisch, dabei aber so alltäglich, wie ein Vogel auf dem Baum.

Das Lied aus der Gegenwart heißt „Ich würd’s dir sagen“, es ist das Uneindeutigste auf der Platte. Von Lowtzow will es als „eine Art dunkles Kinderlied“ verstanden wissen, „in dem es um Liebe Begehren, und Verlassen werden und den Tod geht.“ Es finde nachts statt, „in einer Phase in der man nicht weiß, ob man wacht oder schläft.“ Direkt darauf folgt „Mein Morgen“, die Zukunft, die zu zweit bestritten werden soll. Sie endet im „weißen Licht“, und was dann kommt ist klar, der letzte Track, die Selbstauschlöschung: „Alles was ich geschrieben habe wird jetzt ausradiert“

Im Refrain gibt es hier endlich einen Slogan, für das aus nostalgischen Gründen wiederbelebte Schlamperetui: „Alles was ich immer, wollte war alles/Alles was ich immer hatte, warst du“ Es ist ein Lied, das einem, wie ein Abspann den Rücken runterläuft, während man Stadien vor sich sieht, die sich in den Armen liegend chorisch mitsingen. Denn es ist nun mal so, nicht die Abgrenzung, sondern nur die Zugehörigkeit kann einen retten. Und so ist „Die Unendlichkeit“ ingesamt ein Album, dass sich der, der mit der Band aufgewachsen ist, nur gerne in den Mund stecken wird. Eine Seite schmeckt ihm nach dem ersten Bier, und die andere nach einer wach durchlegenen, kalten Nacht. Denn irgendwo beim Abtasten dieses nachts leuchtenden Spielzeugs tut sich der wahre Horror auf.
Auch unsere Biografie wird nicht unendlich sein.

(Erschienen auf Spiegel Online, 23.01.2018)