Mit Hazel Brugger in Baienfurth

Wir sind in Baienfurth und das ist irgendwo im Nichts. Biberach ist in der Nähe und vielleicht auch noch Ulm. Ulm hat wirklich den allerschlimmsten Bahnhof, sagt Hazel Brugger. Vorsichtshalber ist sie mit dem Auto gekommen. Wir sind im Hof Theater, zu dem wirklich ein Hof gehört, mit Schubkarren und Dreck und all solchen Sachen, die man in Städten wie Zürich eher nicht kennt. Brugger kommt gerade aus Zürich. Sie ist da aufgetreten, denn Brugger ist Comedienne, und auf Tour, und „Schweizerin des Jahres“, und Kolumnistin, und Poetry Slam Meisterin, und Außenreporterin der „Heute Show“, und Trägerin des Bayerischen Kabarett Preises 2017, und 23 Jahre alt.

Wie man das alles eben so jung wird – und das auch noch als Frau – muss der Leser jetzt natürlich erfahren, sage ich ihr, und sie nickt, und dann laufen wir zu einem Tisch, und wenn Hazel Brugger läuft, dann tut sie das in so einer Haltung, dass man denkt: Mmh, es ist ganz interessant, was da kommt, aber bumsen will man es nicht. Also, das sage natürlich nicht ich, das sagt sie selber von sich, in ihrem Programm später auf der Bühne, und das Baienfurther Publikum, die Studenten und die Senioren, die lachen dann, alle, die Älteren eben weil sie bumsen gesagt hat, und die Jüngeren, weil sie sich selbst entdecken in Bruggers Selbstkritik. Denn das machen wir ja alle. Selbstkritik. Immer schön entwaffnend sein. Bevor noch einer schießt.

Hazel Brugger trägt Kleidung gegen die niemand schießen kann. Ein graues T-Shirt und eine schwarze Hose. Ihre Haltung ist auf das Angenehmste misanthroph. Sie trinkt Wasser, während ihr geselliges Publikum Bier trinkt. Eigentlich passen das Publikum und Brugger nicht zusammen. Das Publikum lacht. Brugger lacht nie, also niemals über ihre eigenen Witze. Weswegen das Publikum gerne lacht, bei ihr, denn sie zwingt einen nicht, setzt das Publikum nicht in einen großen Lachbus, sie bietet etwas an, da oben auf der Bühne, maximal beiläufig, bei einem Wasser und im grauen T-Shirt.

Sie ist so eine Frau, mit der man gleich verreisen will, nach Nepal, Vietnam, irgendwohin, um dann nur im Hotelzimmer zu liegen und zu reden. Vielleicht über Geburt, Tod und Hunde – ihre Lieblingsthemen. Die unnötigen Qualen der Geburt erklärt sie auf der Bühne mit Hunden. Geburt sei, wie einen Hund nicht durch die Gartentür in den Garten zu bringen, sondern ihn unnötig kompliziert durch das Katzentürchen zu pressen. Alt und Jung in Baienfurth lachen.

„Die kommt auf Sachen, da kommsche ga net drauf!“, sagt das Publikum.
Und: „Ja, da kannsche nicht abhänge, da musche richtig aufpasse.“

Das Programm, sagt Brugger, ist immer etwas anders, denn bei Programmen muss man, wie bei Gesprächen, auf das Gegenüber eingehen, und in kleinen Städten, wie Baienfurth, ist das Publikum meist älter als in der Stadt. Der, der die Kasse im Theater der kleinen Stadt macht, der kellnert dort später auch. In einer kleinen Stadt, sagt sie, hat mich eine Frau von der Kasse später noch in das Hotel gefahren, und ist dann nochmal nach Hause gefahren, um eine Tee aufzubrühen, den sie mir in der Tasse von zuhause wieder in das Hotel gebracht hat. Das sei nett gewesen, sagt sie, aber auch ein bisschen invasiv.

Worüber Brugger auch immer redet, ist die Schweiz, denn sie ist ja Schweizerin, eine die jetzt in Deutschland wohnt, und das ist eben schon ein anderes Land, die Schweiz, das sagt sie mir, der Deutschen. In der Schweiz ist ihr Programm auch anders, zum Beispiel spricht sie da über Hörnli-Salat, da den in Deutschland keiner kennt, spricht sie hier nicht über Hörnli-Salat, sonst würde über den Hörnli-Salat-Satz – dessen Botschaft ja ist: „Du sollst lachen“ – eben keiner lachen, weil alle nur daran denken müssten,was Hörnli-Salat ist.

Und was ist Hörnli-Salat? Macaroni-Salat, sagt Brugger, dn haben wir uns in der Schule immer reingezogen. Ist das typisch Schweiz, Macaroni-Salat in der Schule essen? Sie sagt, ja, aber das so gedehnt, dass ich überzeugt bin, das stimmt nicht.

Man muss „Ja“ sagen, auch wenn die Wahrheit „nein“ ist.

Ihr Vater ist Neuropsychologe. Ihre Mutter Englischlehrerin. Sie hat zwei Brüder, beide sind älter als sie.
Mit 17 war sie Slam-Poetin. Mit 20 hat sie die Künstlermesse in Thun moderiert.
Also, sagt sie, das ist so eine Art Viehmesse, halt nur nicht für Vieh, sondern für Künstler, und da hat mich eine Agentur gesehen und gefragt, ob ich einen Abend habe – also ein Programm – und ich so klar, habe ich einen Abend, obwohl ich noch gar keinen Abend hatte, aber dann habe ich eben einen Abend gemacht, weil ich dachte, wie schwer kann das denn sein, so ein Abend.

Vorher schon hatte Viktor Giacobbo sie angerufen. Das ist der Harald Schmidt der Schweiz. Sie kannte den gar nicht. Weil, sagt sie, meine Mutter ist Deutsche, und mein Vater nie zuhause. Es ist eine Katastrophe, also sagt sie, weil mir die Schweizer Popkultur deswegen total fremd war.
Viktor Giacobbo fragte Brugger, ob sie bei ihm in der Sendung auftreten wolle. Ich wusste nicht, ob ich will, sagt sie, aber ich habe zugesagt, und nach dem Auftritt, für den ich eigentlich noch gar nicht ready war, ging es dann immer weiter. Irgendwann hat sie 300 Auftritte im Jahr gespielt. Dann kam die „Heute Show.“ Da baut sie nun mit Claudia Roth vegane Mettigel und mit Wolfgang Kubicki Musikinstrumente aus Abfall.

In der Schweiz ist man nun stolz. Man findet sie sehr böse dort. Dabei wirkt sie gar nicht böse, sie guckt nur böse, also auf der Bühne, nicht im Gespräch. Böse ist mein entspannter Gesichtsausdruck, sagt sie, und diese insgesamt starre Haltung, die sie auf der Bühne hat, die sei beim Poetry Slam entstanden. Da machten die Menschen ja immer große, ausladende Bewegungen um ihre Texte zu unterstreichen. Sie habe das Gegenteil gemacht, eben gar nichts. Stand wie ein Stativ für ihr Gehirn. Und, sagt sie, es ist eben so, wenn man in der Comedy zwei Minuten lang nicht grinst, und dann noch eine Frau ist, dann gilt man als böse. Das Publikum, das denkt dann: Warum geht die nicht gebären, die Schlampe!

Wir, die beiden Frauen, lachen. Viktor Giacobbo hat seine Late Night mittlerweile beendet, und die Schweizer Presse und Viktor Giacobbo können sich Brugger als seine Nachfolgerin vorstellen. Ja, sagt sie, aber das habe ich abgelehnt. Denn ich will nichts machen, wo das einzig Neue ist, dass ich es nun mache. So eine Sendung muss doch kreativ auch von mir kommen. Das jetzt nur anzunehmen, weil es mir angeboten wird, das wäre doch arg narzisstisch irgendwie.

Wahrscheinlich, sage ich, gelten Frauen genau deswegen als weniger witzig, also sie sind es nicht, aber sie werden so wahrgenommen, weil sie zu reflektiert sind, um ganz narzisstisch eine Late Night Show zu übernehmen. Hazel Brugger sagt, ja, eigentlich muss man in dem Geschäft seinen Schniedel auf den Tisch legen und sagen: Friss ihn! Friss Samstag, 22 Uhr 15!

Wir lachen, aber es stimmt natürlich. Brugger sagt, sie hat überhaupt lange darüber nachgedacht, was Menschen dazu bringt einer Person zuzuhören, also Trump zum Beispiel, was hat er, dass man ihm zuhört, und sich dabei erwischt, wie man denkt: Ah, der weiß Bescheid, obwohl faktisch nichts dafür spricht.
Oft wird ja gesagt, Charisma, das ist etwas, das einen anstrahlt, wie eine Lampe, sagt sie, ich glaube aber, eigentlich, ist Charisma eher ein Sog, der daraus entsteht, dass man sich eben nicht hinterfragt. Nicht denkt, warum stehe ich eigentlich hier? Die Leute könnten doch auch jemand anderen zuhören. Der Sog entsteht, wenn man voll und ganz davon überzeugt ist, dass die Leute einen hören sollen. Deswegen, sagt Brugger, sind auch viele Leute, die auf Bühnen stehen so verrückt, weil sie den Gedankenschritt „Wieso ich?“ nicht gehen.

Und für die nicht Verrückten, so Brugger, gilt es sich in diesen verrückten Modus hineinzubringen, und dann aber auch rechtzeitig wieder herauszukommen. Also am besten in der heimischen Küche. Sonst wäscht da eben niemand das ganze dreckige Geschirr ab. Obwohl Brugger eigentlich doch echt gerne eine Putzfrau hätte.

Wenn sie redet, denkt sie laut, und sie denkt gerne. Sie hat mal Philosophie studiert. Dann funktionierte aber die Comedy. Ist die, wie es immer so schön heißt „ihr großer Traum?“ Nein, aber sie kann sie. Sie macht sie jetzt, also weiter, weil es auch zu anstrengend wäre, wieder etwas Neues anzufangen, sagt sie.

In Nebraska hat sie kürzlich einen Kurs darin gegeben, wie man das macht, vor Menschen sprechen. Was sie denen erzählt hat? Um auf eine Bühne zu gehen, sagt Brugger, muss man als erstes seine Erwartungshaltung runterschrauben. Man denkt immer, ein Auftritt müsse möglichst großartig werden, aber viel wichtiger ist, dass er nicht beschissen ist, denn die Leute wollen gar nichts Fantastisches sehen, die wollen nur etwas sehen, das nicht schlecht ist. Das Gehirn bewertet negative Dinge bis zu 27 mal stärker, als positive.
Das hast du von deinem Vater gelernt, dem Neurpsychologen, sage ich.
Und Brugger sagt, nein, du sexistische Bitch, das habe ich von meiner Mutter, der Englischlehrerin.
Dann macht sie eine kurze Pause.
Nein, das habe ich irgendwo gelesen. Man muss seinen eigenen Tiefpunkt immer weiter verbessern.

Das ist ihr Ziel. Wenn man sich nicht mehr verbessern kann, und andere das, was man selber macht, besser machen können, muss man aufhören. So einfach ist das.
Sie sagt, sie wird dann auch aufhören. So einfach ist das.

Überhaupt, sagt sie – und deswegen geht es in ihrem Programm so viel um Hunde und Babys – machen Erwachsene Dinge häufig komplex, die nicht komplex sind, man überhöht alles, knotet Probleme mit anderen Problemen zusammen, drapiert sie wie einen Zopf, als wäre ein einzelne Problem nicht schön genug. Hunde und Babys, die machen das nicht.
Deswegen mag sie die so.

Und ich sage, der Mensch knotet alles zusammen, weil er nur in einem Zusammenhang überhaupt etwas ist.
Ja, sagt Brugger, und dann ist man wahnsinnig gekränkt, wenn man sieht wie unglaublich egal alles eigentlich ist. Wenn selbst deiner eigenen Mutter so vieles egal ist, was du machst, was sollen das erstmal fremde Personen in irgendwelchen Städten – in Baienfurth – über einen denken.
Helmut Kohl beispielsweise, sagt sie, der ist ja jetzt tot, und rund um seinem Tod herum interessierten sich wieder alle für ihn, aber selbst dieser Mann, der 16 Jahre eine der wichtigsten Industrienationen der Welt geführt, ja sogar zusammengeführt hat, der ist irgendwann auch allen egal. Vielleicht wird noch ein Bahnhof nach ihm benannt.

Der in Ulm, sage ich.
Und Hazel, sagt ja.
Nobdoy cares, sage ich.
Nobody cares, sagt Brugger.
Und weil man ja dann doch will, das irgendwas von einem bleibt. Ein Bahnhof, eine Information, welchen Mixer man hatte – Hazel Brugger hat einen mit 2PS, Viktor Giacobbo hat den gleichen – irgendwas also, deshalb geht man auf Bühnen und gibt Interviews.

Ich hab’ mich schon mal erkundigt, sagt Brugger, was das kosten würde, sich ausstopfen zu lassen am Ende, also, dass man bei seinen Enkeln dann im Wohnzimmer stehen kann. Aber das ist selbst mit diesen günstigsten Glasaugen, wo man die ganze Zeit echt mega erschrocken aussieht, schon sauteuer.
Ja, sage ich.
Ja, sagt Brugger.
Und es ist schon so, Humor, den entwickelt man aus purer Angst vor dem Nichts.

(Erschienen in Welt am Sonntag, 13.08.2017)