Über Christine (and the Queens)

Sie schaut auf meine Schuhe. Laufschuhe sind es. Sie sind silbern und an der Fußkappe violett. Der Stoff des linken Schuhs hat sich tiefrot verfärbt. Ich blute.
„Ich mag deine Schuhe“, sagt Héloïse Letissier, die nun Chris angesprochen werden will, weil sie eh alle so nennen, nachdem sie Christine and the Queens erfand, ihre Protagonistin, ihr Künstlerinnen-, ihr besseres, ihr selbstbewusstes Ich.
„Da ist Blut auf meinem Schuh“, sage ich.
Und sie sagt: „Genau deswegen mag ich ihn ja.“
Dann ist es still, und wir setzen uns in Samtsessel.
Wir haben eine Frage zu klären: Wer ist Christine and the Queens?

Man stelle sich die queere Philosophin Judith Butler vor, wie sie tanzt wie Gene Kelly. Oder eine französische Janet Jackson, die sich gebärdet wie Leonardo DiCaprio als Romeo Montague in Baz Luhrmanns „Romeo und Julia“. Das Hemd ist offen, das kurze Haare zurückgekämmt, und im allzu weichen Gesicht liegt der spitze Schmerz des Scheiterns. Der, der jede Leidenschaft so wahnsinnig überhöht, weil wir Schmerz so viel intensiver spüren als Glück. Immer.

Christine and the Queens, das ist Pop, der klingt, wie die beste aller Mischungen aus Cameo und Camille, der zu Glasflaschen zertrümmernden Beats, Gendernormen zertrümmert, weil seine Ästhetik und seine Zeilen das scheinbar Unerzählbare erzählen, die weibliche Obsession, die Größten aller Lüste, die als unerzählbar gilt, weil Frauen, die begehrt werden wollen, nie zu sehr begehren dürfen, weil Frauen nie das Jagende sein dürfen, sondern immer zu nur das Gejagte.

Héloïse Letissier ist eine Belesene und eine Besessene. Sie wuchs als Tochter zweier Lehrer in Nantes auf, studierte Theater in Lyon und Paris, floh dann aber nach London, weil sie scheiterte – an der Liebe zu einer anderen Frau. Sie gibt sich selbst die Schuld dafür. Denn sie hasst sich, hat sich immer gehasst. So sehr, sagt sie, dass sie sich fast darüber umgebracht hätte. Denn als Frau war sie nie genug. Wenn sie morgens aufstand, sah sie im Spiegel keine Frau. Da war das Gesicht von ihrer Mutter und ihrem Vater ineinander aufgelöst. Zu kantig. Zu burschikos. Die Rolle der Frau musste sie sich erst anziehen. Sie übertrieb sie, trug rüschigste Kleider mit voluminösen Ärmeln, malte sich ein Gesicht wie Marie Antoinette. So weiß, dass es staubte, wenn sie sich bewegte.

„Meine Weiblichkeit war eigentlich Drag“, sagt sie, und lacht trocken. In London ging sie im legendären „Madame Jojo’s“ aus. Die Drag Queens dort brachten sie auf die Idee sich eine Figur zu erschaffen, die all das, für das sie sich schämt, einfach sein kann. Das „and the Queens“ in ihrem Künstlernamen, es ist ein dankendes Nicken in Richtung der komplementären Schwestern, die sie einst retteten. Christine and the Queens, das war nun Letissier ohne Make-up, mit offenen Haar und in Kleidung – zumeist Anzüge – die ihrem Körper keinen Weiblichkeit hinzurechneten, sondern ihn sein ließen.

„Ist das nicht eigentlich absurd“, frage ich, „dass du dieses sich nicht weiblich zurechtmachen, eine Figur nennst, die du erst erfinden musstest, obwohl es im Grunde ja einfach nur du bist? Du ohne Maske?“
„Schon“, sagt sie, „aber gibt natürlich kein einfach nur sein. Alles ist immer eine Inszenierung. Auch das Natürlichste, das Nacktsein ist eine Inszenierung.“

Ihre Figur Christine sollte sich gegen konstruierte „Weiblichkeit“ auflehnen. Zerstör, was dich zerstört. Sie schrieb ein Gedicht über Poren, Blut, Schweiß, Schmutz, Spucke. All das was man von Frauen sonst wegretouchiert, sollte sie retten. Sie unterlegte das Gedicht mit Loops aus Apples „Garage Band“ und erschrak: Warum musste ich erst so alt werden, um zu verstehen was ich machen möchte? Musik.

Sie bringt sich Logic bei. Macht immer bessere Beats. Nimmt eine EP auf, dann noch eine. Es ist Juni 2014, als ihr erstes Album erscheint. CHALEUR HUMAINE ist ein französisches Coming-Of-Age-Album. Minimalistischer Pop über Schüchternheit, und das nicht Passen. Ihre Unzulänglichkeit ist ihr Produkt. Dazu tanzt sie Modern Jazz. In Frankreich geht ihr Album bis auf Platz 2 der Charts. Sie nimmt es in einer englischen Version auf. Tourt, hält am Ende ihrer Shows Blumen hoch,sagt: „Ich bin ein abgebrochener Stil ohne Blüte in einem Strauß aus Rihannas und Beyoncés.“ CHRISTINE AND THE QUEENS wird in Großbritannien 2016 das meistverkaufte Debüt. Dua Lipa kopiert im Video „IDGAF“ ihren Stil: Anzüge vor einfarbigen Videohintergründen. Das „Time Magazine“ nimmt sie auf das Cover. „Next Generation Leaders“ steht da über ihrem Kopf.

Es feiert sie, als eine Künstlerin, die ihre Protagonistin nicht, wie etwa die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann in ihrem Roman „Malina“, in der Wand verschwinden lässt, weil sie ihren inneren Mann nicht leben kann, sondern im Gegenteil, ihn ausstellt. „I’m a man now“ singt sie noch in „iT“ auf CHRISTINE AND THE QUEENS. Für ihr zweites Album geht sie den Weg weiter. Das „tine and the Queens“ lässt sie stehen, aber streicht es durch. Stellt sich als Chris hoch oben über einer namenlosen Stadt auf einem Stahlträger, tanzt, „with salted skin“ und einem „rash for no reason“. Lässt die gestählten Muskelstränge an den Arme spielen. Erzählt sich als sexuell handelndes Subjekt, einen weiblichen Schurken, der sexy ist, ganz ohne den verdammten Male Gaze zu bedienen.

„Don’t feel like a girlfriend, but lover, damn, I’d be your lover.“ Es ist die ersten Single ihres zweiten Albums CHRIS. Sie betont es nachdrücklich. Sie hat jede Zeile dieses Albums geschrieben. Sie hat jeden Song produziert.

Sie sagt, „ich will, dass du das so aufschreibst. Denn es ist noch immer so, dass sobald auch nur ein Toningenieur mit einer Frau gemeinsam im Studio ist, dann bist du nicht mehr der Boss. Du musst dich als Frau behaupten.“ Ihr Label wollte, dass sie mit anderen Produzenten zusammenarbeitete. Sie hat es abgelehnt. Einen Gastproduzenten Dâm-Funk lässt sie zu, als Kollaborateur für die Single „Girlfriend“ Mehr nicht. „In Frankreich“, sagt sie, „gelte ich als die Bitch. Weil ich alles selber mache. Auch die Videokonzepte schreibe ich selber. In Frankreich finden die Journalisten das sei zu viel.“

„Du bist zu gierig“, sage ich, und meine das eigentlich nicht ernst.
Aber sie sagt: „Oh ja.“

Nach der Tour zum ersten Album, verliebt sich in einen Mann. Und scheitert. Sie liest die Bücher der amerikanischen Autorin Maggie Nelson. „Bluets“ empfiehlt sie. Es sind 240 poetische Brüchstücke voll literarischer und philosophischer Querverweise, die das Scheitern einer Affäre verarbeiten. Sie sagt, sie liebt es, weil Nelson so intelligent ist, aber verdammt auch so horny. Sie schreibt „Goya Soda“. Ein Song über Gier, inspiriert von Fancisco de Goyas düsterem Gemälde „Kronos isst seine Kinder“.

„Der Song ist intricate“, sagt Chris, also kompliziert, intricate ist ein Wort, das sie sehr häufig benutzt. „Er ist intricate, denn da ist ein Junge, den ich so begehre, so sehr ficken möchte, also versuche ich ihn zu becircen. Ich gebe ihm Geld, denn ich habe jetzt Geld, viel Geld, aber er hat keines. Das Machverhältnis ist schief. Ich ahne es schon, ich scheitere tragisch. Begierde,“ sagt sie, „ist eine Form von Chaos und die stärkste aller Schaffenskräfte.“

„Goya Soda“ ist auch ein spanische Limonade. Es gibt sie in den Geschmacksrichtungen Cola-Champagne und Kokosnuss. Beim Hören des Albums, kommt einem häufig der Gedanke an das Öffnen von Getränkedosen. Und Chris sagt, genau diese Assoziation wollte sie, sie wollte den Sound des R’n’B-Pops der späten Achtziger und die frühen Neunziger wiederbeleben. Damals, als nichts zu kitschig war, um gesampelt zu werden. Man denke nur an all die wunderbaren Beats, die klingen, wie auf Glasflaschen schlagen. „Word up“ (1986) von Cameo etwa, oder das zerbrochenen Glas aus „Jam“ von Michael Jackson (1991), oder die Beats, die klingen, wie die Schläge eines Baseballschlägers auf eine Stahlwand aus „Dangerous“ (1991).

„Ich wollte, dass man diese Referenzen deutlich hört“, sagt sie, „um sie meinen Modern French Girl Texten darüber kollidieren zu lassen.“ Ihre Stimme ist nun viel kräftiger, als noch bei dem ersten Album und ihr Körper ist gestählter. Aber haben die Figuren Chris und Christine sie schlussendlich gerettet? Ist sie nun selbstbewusster? Kann sie sich nun lieben? In „What’s her face“, einem Song, den sie in einer Nacht geschrieben hat, singt sie über das Außenseitersein auf dem Spielplatz. Die Beleidigungen von damals, sie klingen in ihren Ohren nach, wenn sie negative Kommentare auf Twitter, oder unter ihren YouTube-Videos liest.

Glaubst du, du bist schön?
Glaubst du, du bist fuckable?

Männer kämen nach Konzerten auf sie zu, beleidigten sie. Sie sagt: „Sie tun das, weil ich sie verwirre. Sie fühlen sich erregt, aber ich gebärde mich wie ein Mann, das verunsichert sie. Sie werden wütend.“ Sie zieht viel aus diesen Verletzungen. Ja, sie lechzt richtig danach. Sie repostet sie auf Twitter. Das, was man an ihr kritisiert, das will sie verstärken, noch größer machen.

In „Comme Si“, der Ouvertüre von CHRIS singt sie davon, dass ihr Lover, ihr nicht entkommen kann. „Tu me mets encore, encore, encore“ – Du wirst mich wieder treffen, wieder, wieder und wieder. „Meine Songs“,sagt Chris, „sind eine Form von Selbstjustiz. Wenn du mich nicht willst, werde ich eben so gute Songs schreiben, dass ich ständig im Radio bin, und dann hörst du mich, und kannst mir doch nicht entkommen.“

„Vielleicht ist das naiv,“ sage ich, „aber du machst genau das, von dem so viele Menschen sich wünschen, dass sie es könnten, weil sie glauben es würde ihnen helfen. Sich mit Songs auf der Bühne rächen. Dazu hast du Bewunderer, wie Madonna. Und zuletzt wird auch Paul McCartney in Interviews nicht müde, zu behaupten, dass er dich hört. Kanye, Kendrick und Christine. Macht all das wirklich nichts mit dieser Wunde?“

Sie zögert. „Schwester,“, sagt sie dann „ich wünschte, ich könnte dir sagen, alles ist wie im Film. Du bist eine verwundete Person, du lernst aus deinem Schmerz Kunst zu machen, du führst ihn auf, du wirst erfolgreich, und der Schmerz ist geheilt. Happy End. Aber so ist es nicht. Das Geheimnis ist, es gibt kein Happy End. Ein Song, ein Auftritt, Erfolg, all das kühlt die Wunde, aber es heilt sie nicht. Wenn du verwundet bist, bleibst du das dein Leben lang.“

(Erschienen in MUSIKEXPRESS 10/2018)