Ein Anfang

Als wir uns kennenlernten war es Sommer. Wir waren auf der Flucht und machten Halt auf einem Parkplatz. Er trug eine pfirsichfarbene Sonnenbrille und trank Milch aus einem Trinkpaket. Ich briet Speck und Ei unter dem Kofferraumdach eines weißen Vans. Er stand zwischen Pinien, war einem Vogel auf Beinen wie dünnem Astwerk gefolgt, der nun neben mir stand, weil er Speck und Ei gerne roch. Der dumme Vogel schien zu glauben, dass er Speck und Ei essen könnte, und so pickte der Vogel auf seinen Astbeinen an meinen Leinenshorts vorbei, während er auf sicherer Entfernung stand, Milch durch einen Strohhalm dicker, als die Beine des Vogels sog, und mich ansah.

Über den Vogel kam er ins Gespräch. Er sagte, er glaube, es handelte sich um einen Ibis oder einen Löffler, in jedem Fall sei es ein Schreitvogel. Und ich sagte, das könne schon sein, dass es ein Ibis oder ein Löffler ist, denn von Vögeln habe ich wenig Ahnung, aber Schreitvogel, das klänge zutreffend, das könne ich ihm glauben.

Und wir redeten weiter, denn wir waren beide aus dem gleichen Land. Und in der Fremde, da wird einem das am wenigsten Fremde am schnellsten zum Freund, auch wenn man sich genau dagegen sträubt. Ich brühte ihm einen Kaffee auf und gab ihm mein halbes Speck und Ei. Wir setzten uns in das trockene Gras vor dem Van. Ich hatte Kaffeemehl am Handgelenk, während wir aßen und tranken, und der Vogel, der stand hinter uns und sah zu. 

Er sagte, er sei allein auf Reisen, aber, und das sagte er zu vorauseilend, er wolle kein Geheimnis daraus machen, er habe eine Freundin, sie würden sich später treffen. In Paris. Die Freundin arbeite als Visagistin, aber es liefe nicht gut, also ihr Beruf schon, aber ihre Beziehung insgesamt nicht. Seit neun Jahren seien sie zusammen, und in ihr, das wisse er schon länger, aber nun könne es nicht länger ignorieren, sei keine Sehnsucht. Also das hieße, sie sehne sich nach nichts, außer nach einem Tag voller mittels Pinsel verfremdeter Gesichter auf dem Sofa zu sitzen, um in einem Fernsehgerät anderen mittels Pinsel verfremdeter Gesichter bei ihren Sehnsüchten  zuzusehen. Mir schauderte es in der unmittelbaren Sonne.

Menschen ohne Sehnsüchte verstehe ich nicht, sagte ich. Ich habe mich immer gesehnt, sehne mich sogar zu viel, nach so vielen Dingen, dass meine Sehnsüchte sich gegenseitig blockieren. Ich hänge verspannt und voller Muskelschmerzen mich ewig sehnend zwischen meinen Sehnsüchten herum. Jeden Tag.

Und er wollte etwas sagen, aber ich sprach weiter, sagte, dass ich es irgendwie nicht schätze, dass er das mit der Freundin gesagt habe, denn damit unterstelle er unserem Kaffee, zwischen Fréjus und Hyères irgendwie etwas, dass alles doch recht schwer mache. Können sich zwei Fremde nicht völlig ohne Hintergedanken einen Kaffee aufbrühen, geht das nicht?Muss es immer darum gehen? Muss es das immer sein?

Und er sagte, so habe er das doch gar nicht gemeint. Die Geschichte, seine Beziehung, sie beschäftige ihn nur, da er eigentlich reise, um sich von ihr zu entfernen. 

Und dazu reist du ihr in die Arme?, fragte ich und bemerkte, dass er fand, dass ich zu schnell zu persönlich wurde, aber er hatte ja angefangen, und außerdem kann ich kein Gespräch halten, das nicht irgendwann persönlich wird, weil mich ehrlich nichts interessiert, als das was einem irgendwie persönlich ist.

Und er wunk ab, ich habe ja recht, er habe das alles gar nicht erzählen sollen. Eigentlich. Und dann fragte ich ihn, ob er Musik dabei habe, mein Radio war kaputt, und ich dachte an eine CD, aber er gab mir eine Kassette. Sie war weiß. Hör die gerne, sagte er, aber sobald sie durch ist, gibst du mir ein Lichtzeichen, und dann wir halten an und trinken noch mehr Kaffee.

In zwei Vans fuhren wir so nah es ging an der Küste entlang, während auf meinem Beifahrersitz eine graue Katze saß, die ich vor zwei Frühstücken auf einem anderen Parkplatz aufgelesen hatte – gegen die Einsamkeit. Ich tat so, als würde ich seine Kassette hören, was ich nicht sagte, und auch im Nachhinein nie sagen würde war, dass mein Van gar kein Kassettendeck hatte, und für den Fall, dass er mich auf die Musik ansprechen würde, was er nicht tat, hatte ich nur gehofft, dass auf der Kassette wirklich die Band aufgenommen war, die in silbernen Versalien auf ihrem weißen Plastik stand.

Unseren zweiten Kaffee tranken wir bei einer großen Fast Food Kette. Während er anstand, bestellte – zwei Kaffee einer milchblass, einer schwarz, dazu noch zwei Macarons – sah er mich durch die großen Fensterscheibe, wie ich auf der gelben Rutsche im Garten des Restaurants saß. Meine Beine reichten von der Sitzschale bis fast zum Boden hinab. Ich schüttelte sie, ließ die Bastsole meiner Sommerschuhe auf den heißen, gelben Plastik trommelnd niedergehen, und Kinder standen um mich herum und seufzten, weil sie so gerne rutschen wollten, aber ich blieb sitzen, weil ich das größte Kind bin. Und ich glaube, das gefiel ihm, gefiel ihm sehr, aber die Kinder, die begannen zu weinen und zu stampfen. Er lief durch sie hindurch, mit dem Kaffee und dem Süßen, und setzte sich umgekehrt vor mich. Es war eng, die Kinder weinten, und wir ertranken fast in den Augen des Anderen.

Endlich wieder angesehen werden. Wenn fremde Augen mich ansehen, verhalte ich mich so, wie ich mich immer sehen wollte. Ich beneide den anderen, dann fast um das Bild, das er von mir hat. Und in irgendwie genau das, verliebe ich mich dann, und es hat mit dem Anderen gar nichts zu tun.

Am nächsten Tag gingen wir gemeinsam Duschen. Ich sagte, ich dusche nie auf Campingplätzen, weil der Duschstrahl dort schon nach fünf Minuten ausgeht. Wer könne das denn, nur fünf Minuten Duschen, das sei doch schrecklich, für Wasser zu bezahlen und dann nur fünf Minuten zu bekomme. Der Sinn einer Dusche sei doch die Schönheit der Unendlichkeit mit der das Wasser auf einen niederstürze. Alles könne man beim Duschen vergessen, und es muss doch an einem selbst sein zu entscheiden, wie lange man vergessen möchte, und wann man wieder zu trockenen Sinnen kommen möchte. Ich lasse mich da nicht regulieren. Also das darf doch auch nicht sein, sagte ich, und war nicht ich, aber markierte ihm auf der Karte den Namen einen Hotels, in dem er mich wiederfinden könnte.

Es hat dicken Teppichböden und rosa Paisleymuster an den Wänden, und im Innenhof einen großen Pool. Alles ist dort leise, die Wände scheinen nach Erdbeer zu duften, die  Duschen sind unendlich, und in dem Fitnessstudio hinter dem Pool, da stehen noch Cardio-Fahrrädern aus Zeiten, in denen man ernsthaft Schweißbänder trug. Die Handtücher, sagte ich, sind da so weich und weiß wie Watte.

Ich duschte in einem cremefarbenen Badeanzug, mit einem Croissant im Mund, das ich im Vorbeigehen vom Hotelbüffet genommen hatte. Ich zeigte mich von meiner besten Seite, meiner aufregendsten Seite, dieser einer Seite, die gar nichts mit mir zu tun hat, und so wunderte es mich auch nicht, als er auf der gegenüberliegenden Seite duschte, und starrte und staunte, wie ich in aller Selbstverständlichkeit Croissant und Wasser stahl.Kinder schrien auf grünen Schwimmgummis in dem stechend gut riechenden Wasser in unserer Mitte.

Alles war jung und nass und warm. Wir lebten.

In meinem Mundwinkel war Blätterteig, als er mich auf dem Parkplatz des Hotels wiedersah, eingeschlagen, in das dicht flauschige Weiß des Hotels, saß ich hinter dem Steuer und trank ein französisches Bier aus einer blauen Dose. Mit dem Daumen griff er nach meinem Mund, strich die Krümel weg, und küsste mich. Ich spuckte letzte Bier in seinen Mund. Er schreckte zurück, sagte nichts, blieb im Türrahmen stehen.

Ich griff in die Vertiefung unter dem defekten Radio, fand zwei Ohrringe wie goldene Löffelgriffe, hängte sie mit dem Clip an meine Ohren, war zufrieden, so zufrieden mit dem was ich im Rückspiegel von mir sah. Und ihm lief Bier aus seinem Mund.

Ich hatte ihn umgarnt wie eine Katze, nun trug ich ihn wie eine Maus im Maul. Am Abend parkten wir. Er sagte, bei allen Reisen, wirklich, seien ihm die Parkplätze das Liebste. Parkplätze an steilwändigen Küsteneinschnitten. Rasen gesäumte Parkplätze mit Picknicktischen. Parkplätze vor Neon beröhrten Supermärkten hinter denen in den frühen Abendstunden der Tag in rosa und blau ertrinkt, während junge Familien Edelstahl Einkaufswägen zu ihrem Pickups rollen, und Motoren starten. Parkplätze werden zu wenig gewürdigt. Überall. In der Literatur, in Filmen, in der Phantasie passieren dort nur immer nur Straftaten, niemand erzählt die Schönheit eines Parkplatzes.

Ich sagte, aber das ist doch gut, dass man Parkplätze dort nie sieht, denn nur deswegen gehört das, was wir jetzt sehen, uns ganz allein.Und dann ekelte ich mich vor mir selber. Wo kam dieser Kitsch mit einem Mal her?

Aber die Schönheit des Moments blieb, denn wir blickten eben immer noch von einem Felsen aus in ein neblig verhangenes Tal, tranken Chablis aus Zahnputzbechern, und auf unseren Beinen lag in Papier eingewickelter Fisch und dazu Chips.

Warum, dachte ich, kann man nicht immer so leben, also auf Reisen mit jemanden sein, der einen nicht kennt, für den man die sein kann, die man gerne wäre. Und alles ist so leicht. Abends trinkt man aus den gleichen Bechern, in die man morgens spuckt. Man hat wenig, aber es ist alles, was man braucht, weil sich alles für alles nutzen lässt.

Warum, fragte er dann endlich, bist du eigentlich unterwegs?

Und ich dachte, wenigstens dieses eine Mal kann ich ehrlich sein. Aber ich sagte, wenn ich dir das erzähle, weißt du wer ich bin und verlierst deine Illusionen über mich. Und wenn du die verlierst, ist es weniger reizvoll Zeit mit mir zu verbringen, denn deine Illusionen über mich, sind in jedem Fall interessanter für dich, als ich es bin. Denn deine Illusionen sind deine und damit genau das, was du willst, und nicht was ich bin.

Und er sagte, das stimmt natürlich.

Und ich war enttäuscht, dass er nicht weiter nachgefragt hatte, enttäuscht, dass er nicht neugieriger, hartnäckiger war. Geduld ist doch immer nur ein Mangel an unbedingten Wollen, das dachte ich.

Aber mehr noch, als dass ich eben enttäuscht war, schätzte ich die Freiheit, die er mir damit gab, so konnte ich mich durch seine Unwissenheit weiter meiner Illusion von mir selber hingeben. So war gewiss, das wir uns nicht wirklich treffen würden, alles verlieb verschwommen und dick weiß umschlungen.

Die graue Katze schob sich zwischen uns. Es stimmt gar nicht, dass Katzen nicht lieben können. Wir liebten sie zurück, mit frittiertem Fisch. Und sie aß, und ihr zartes Maulhaar begann zu glänzen. Jede Romantik, sagte ich dann noch, endet mit dem Kennenlernen. Und ich hoffte er würde etwas sagen. Aber er sagte nichts. 

In Nantes gab er seinen Van ab und stand dann da, mit einem großen Rucksack, und einem rot-weiß gestreiften Sonnenstuhl unter dem Arm. Er sah über die betonierte Einfahrt der Autovermietung hinweg, durch mein geöffnetes Beifahrerfenster, sah wie ich die Katze vom Beifahrersitz nahm und die Tür öffnete. Die Katze sprang und es war entschieden, er würde seine Freundin nicht besuchen, nicht nach Paris, nicht an das Set des Jeans-Werbespots fahren. Er hatte ihr eine Email mit Ausreden geschickt und die Freundin, hatte zurück geschrieben, dass es schade sei, aber dass sie sich jetzt schon freue, ihn bald wieder zusehen. Er würde mit mir in das Ungewisse weiterfahren. Mir sagte er, dass er ein Ziel habe.

Er denke an eine Hütte aus dunkelbraunen Holz. Direkt am Meer. Da können wir uns niederlassen, sagte er.

Und nie wieder nach Hause fahren, sagte ich. Und er nickte, denn er ahnte wahrscheinlich, hoffentlich, das mein Nie-wieder, wirklich kein Nie-wieder war.

Betrunken von diesem neuen Leben, das wir uns eingossen wie Campari Soda, fuhren wir in den Sonnenuntergang. Ich genoss alles, denn ich dachte, eines Tages würde er nach Hause fahren wollen, zu ihr, und so lange es dieses eines Tages gab, blieb er mir nur ein Halbes und eine Möglichkeit. Und was gibt es Besseres zu besitzen als Möglichkeiten? Vermutlich nichts.