Über eine Geburt

Sie sagen, es sei bei jedem anders. Nur um gleich darauf etwas ganz anders zu sagen. Nämlich: Es sei bei jedem gleich – also schmerzhaft –,  aber kurz danach auch schon vergessen. Am Satzende lächeln sie, als sei das Vergessen etwas Wünschenswertes. Ich aber bin derart vergesslich, dass Vergessen immer das Letzte ist, was ich will. Behalten will ich und bewahren. Das sind die Gründe, warum ich überhaupt schreibe.

Ich liege im Dunklen im Bett. Das Licht hatte ich selbst ausgeschaltet, denn das Krankenhaus hätte das Licht nie ausgeschaltet. Das Krankenhaus kümmert sich nicht darum, ob man vielleicht schlafen will. Denn für das Krankenhaus gibt es weder Tag noch Nacht, es gibt nur Notwendigkeiten.

Neben mir hatte eine Frau gelegen, die das Krankenhaus übereilt aus dem Zimmer geschoben hatte. Jetzt sofort wolle es einen Kaiserschnitt machen, eröffnete das Krankenhaus der Frau. Der Kinderarzt habe jetzt gerade Zeit! Und die Frau lag, aber stand wie unter Schock. Ob sie denn nicht noch eine halbe Stunde warten könnten, fragte sie, sie wolle dem Kindsvater Bescheid geben, der sei gerade beim Sport und deswegen nicht erreichbar, aber in einer halben Stunde, da sei er erreichbar. Aber das Krankenhaus sagte, in einer halben Stunde, da sei der Vater ja nur kontaktiert und noch nicht hier. Der Kinderarzt aber habe jetzt Zeit. Jetzt. Sofort. Und schon rollte das Bett, schob eine nun weinende Frau raus in ihr neues Leben.

Die Tür fiel zu, und ich weinte nun auch, denn ich realisierte, dass das, was für uns – also die Rausgeschobene und mich –  eine lebensumwälzende Singularität war, das war für das Krankenhaus eine Banalität. Nur ein Gebären von Tausenden. Ich weinte, da ich begriff, dass ich dem Krankenhaus jetzt gehörte, diesem System, mit seinen starren, und durch und durch logistischen und wirtschaftlichen Regeln. Ich hatte ihnen zu gehorchen, denn ich war nicht mehr intakt. Meine Fruchtblase war gesprungen. Vorzeitig, wie es heißt. Das System bestimmte nun über meinen Körper, der den kleinen Körper in ihm noch nicht hergeben wollte. Ich hatte keine Wehen, musste aber dringend welche bekommen. Innerhalb von 24 Stunden, sagte das Krankenhaus. Denn wir – der kleine und der große Körper –, wir könnten uns sonst infizieren. Sie ließen mich Dokumente unterschreiben, die fragten, was nach meinem Tod mit meinen Körper geschehen solle. Im Krankenhaus spielt der Tod immer eine Rolle, auch vor der Geburt. Da ist das Krankenhaus ehrlicher als der Alltag, in dem man stets so tut, als spiele sein Ende – also der Tod – eben gar keine Rolle, dabei spielt er eine Rolle – die Größte. Jeden Tag.

Ich liege im Dunklen im Bett. Das Licht hatte ich selbst ausgeschaltet, der Kindsvater hätte es auch für mich ausschalten können, wäre er noch da gewesen, aber das Krankenhaus hatte ihn bereits nach Hause geschickt. Denn es war nach 23 Uhr und nach 23 Uhr müssen Besucher gehen. Ich sagte, aber er ist doch kein Besucher, er ist der Vater. Das Krankenhaus aber befand, Väter sind Besucher, solange die Geburt noch nicht begonnen hat. Ich sagte, aber meine Fruchtblase ist doch gesprungen. Aber das Krankenhaus befand: Die Geburt beginnt erst mit den Wehen. Also ging der Kindsvater, denn es war nach 23 Uhr, und er nur ein Besucher, wenn mein Körper aber Wehen gehabt hätte, wäre er kein Besucher gewesen, sondern ein werdender Vater.

Um 1 Uhr nachts gibt mir das Krankenhaus eine Tablette gegen Magen- und Darmgeschwüre, obwohl ich keine Magen- und auch keine Darmgeschwüre habe. Aber bei Frauen führt die Magen-und-Darmtablette Misoprostol eben auch zu Gebärmutterkontraktionen. Misoprostol kann Geburten auslösen, und es kann sie auch verhindern. Im ersten Trimester wird es bei Abtreibungen gegeben. Misoprostol zeigt: Nichts hat einen Wert an sich. Der Zeitpunkt spielt eine entscheidende Rolle, auch wenn man stets glaubt, der Zeitpunkt spiele höchstens eine Nebenrolle, denn es gehe um die Dinge an sich. In Wahrheit geht es aber nie um die Dinge an sich. Der Zeitpunkt verändert die Dinge.

Meistens interessiert uns, wann die Dinge begonnen haben. Bei der Geburt aber interessiert nur, wann sie endet. Niemand verschickt die Uhrzeit, zu der sie begonnen hat. Was verschickt wird, als Nachricht, als Karte, als Gruß, ist immer nur die Uhrzeit, zu der sie geendet hat – oder besser: wann der Säugling den Körper der Mutter verlassen hat. Die Geburt aber ist damit noch nicht zu Ende. Der große Körper muss weiter ausscheiden. Plazenta und Blut. Das Ende der Geburt, das man notiert und verschickt, ist also eigentlich doch wieder nur ein Anfang. Der Anfang des atmenden Lebens des kleinen Körpers. Wann eine Geburt begonnen und wann sie wirklich geendet hat, in Wahrheit notiert das also niemand.

Es ist 6.15 Uhr, als die Wehen beginnen. Eine Stunde zuvor hatte ich die zweite Tablette Misoprostol genommen. Ich hatte immer gedacht, ich würde Angst vor der Einnahme und ihren Folgen haben, aber ich hatte keine Angst. Ich war neugierig, wie vor dem ersten Kuss oder dem ersten Sex, ich war neugierig, wie man neugierig ist, bevor man etwas zum ersten Mal macht, das viele machen – das Erwachsene machen –  und das man selbst noch nie gemacht hat. Ich war wieder Kind. Und wollte endlich wissen, wie sie sich anfühlt – eine Geburt.

Die Wehen ziehen mir den Bauch zusammen. Es fühlt sich an, als wollte er sich auswringen. Der ganze Bauch, wie ein Lappen wird er von großen, unerbittlichen Händen so gedreht, dass ihm jeder Inhalt entweichen muss. Ich liege angeschlossen an einen Kardiotographen. Ich höre den Herzton des kleinen Körpers in mir. In jeder Wehe wird er leiser, verschwindet fast. Es klingt, als würde er von den Wehen zermalmt. Ich schaffe es aber nicht, mir Sorgen zu machen, denn der Schmerz streckt mich und jede Sorge nieder. Arme, Beine, Kopf hängen wehrlos an meinem schmerzenden Rumpf. Versuchen Verrenkungen, Schläge, Flüche, um dem Schmerz auszuweichen. Sie wollen nicht überwältigt werden, nicht wie die Flanken enden, die jede Wehe so nah zueinander zu schieben scheint, als sollten sie sich treffen. In ihrer Mitte entsteht eine drückende Hitze, die bleibt, wenn nach ein paar Sekunden die Wehe nachlässt und in einen Sog übergeht, der meinen Körper seitlich, über die Hüftknochen zu verlassen scheint. Aus der Hitze wird ein warmes, ein zu warmes Gefühl. Es bleibt zurück. Überdauert die wenigen Minuten, die ich zwischen jeder Wehe und der Nächsten habe, um dann wieder anzuschwellen, zur großen, wringenden Hitze.

Das Krankenhaus reicht mir Frühstück auf einem Tablett, und ich fresse es. Das einzige was mein Fressverhalten von dem eines Tieres unterscheidet, ist die Benutzung meiner Hände. Ich greife das Brötchen von dem Teller, ich verschlinge es, denn ich weiß nicht, wie viel Zeit mir zur Nahrungsaufnahme bleibt, denn die Wehen werden schwerer. Sie drücken den Bauch noch fester zusammen, die Flanken – so fühlt es sich an – zieht es, sind sie einmal in der Bauchmitte, nun auch nach unten, runter zu den Wirbeln. Ich suche nach einer Bewegung, die den Schmerz abfedert. Ich trete in die Luft, ich setzte mich auf und werfe mich auf das Bett. Es muss eine Position geben, die all das, was mit mir passiert, erträglich macht. Ich verrenke mich ich, ich stöhne. Ich greife und bekomme nichts zu fassen. Meine Suche ist aussichtslos. Aber nichts ist schlimmer, als nichts zu machen. Ich frage das Krankenhaus, werden die Wehen noch stärker? Und das Krankenhaus sagt, es sei bei jedem anders. Und lächelt dann.

Jede Wehe ist eine Überraschung. Nie weiß ich, ob sie ihren Vorgänger in seiner Brutalität übertreffen wird oder nicht. Denn Wehen halten sich an keine Muster. Sie lassen sich auch nicht steuern. Das, denke ich, ist es überhaupt, was Schwangerschaft, Geburt und auch das Muttersein für uns Frauen heute so schwierig macht. Wir wurden hineingeboren in eine Zeit des starken Ichs. Wir sind es nicht gewohnt, uns zu unterwerfen. Wir sind es gewohnt, dass wir wählen und uns entscheiden können. Wir lehnen uns gegen das Gegebene auf, geben es zurück. Wir sind die, die glauben, wir sollten uns alles nehmen können. Wir haben Hebammen, die nach der Geburt zu uns nach Hause kommen, um uns zu helfen, beim Stillen, Pflegen, Wickeln. Das sind nicht mehr unsere Mütter. Familienbande? Haben wir gelöst. Die Konvention ist tot. Die Konvention bleibt tot. Wir glauben, wir haben sie getötet.  Geburt und Schwangerschaft aber sind zeitlos. Sie wissen nichts von heute, hören nicht auf unsere Befindlichkeiten. Nahtlos verbinden sie uns mit den ersten Müttern. Zeigen uns, dass das Ich im Körper nur eine Nebenrolle spielt.

Ich liege zusammengekrümmt am unteren Ende eines Kreißsaalbettes. Hier bin ich nach Stunden des Suchens zur Ruhe gekommen, weil ich nach oben, zum Mittelteil des Bettes greifen kann. Da ist ein Griff angebracht, an dem ich mich in jeder Wehe hochziehe. Denn es hilft, sich in die Länge zu ziehen, wenn man gewrungen wird.

Ich liege in Embryonalstellung am Ende eines Kreißsaalbettes. Ich bin ein Baby, aus dem ein Baby heraus gewrungen wird. Das Zeitgefühl habe ich verloren. Alles ist Schmerz. Die Wehen werden immer intensiver. So intensiv, dass ich während der Wehe nicht mehr denken kann, ich schreie. Es sind nur Laute. Wenn die Wehe verklingt, winsele ich. „Bitte, es soll für 15 Minuten aufhören. Ich brauche eine Pause. Bitte, bitte, bitte. Nur eine kurze Pause.“ Ich weiß nicht, wen ich bitte. Ich weiß nicht, wo ich diese Zeit – 15 Minuten – hernehme. Ich weiß, nur, dass mein Körper nicht auf mich hört, dass er einem unerbittlichen Automatismus folgt, der mir den kleinen Körper in das Becken schiebt.

Von innen drückt das Kind gegen meine Lendenwirbel, als würde es dort schon aus meinen Körper austreten wollen. Es schmerzt so stark, dass ich den Kindsvater bitte, er möge mir mit aller Kraft seine Finger in den unteren Rücken bohren. Und nie aufhören. Bitte nie aufhören. Die Schmerzen, die ich anordne, sind leichter zu ertragen, als die Schmerzen, die der kleine Körper in mir verursacht. Ich brülle „Fuck“ und kann nicht darüber lachen. Obwohl es natürlich sehr lustig ist, denn der Fuck ist es ja, der mich in diese Lage erst gebracht hat.

Das Krankenhaus will, dass ich zur Toilette gehe, weil ich immer wieder trinke. Wasser aus einer blauen Krankenhausplastikflasche, die mir der Kindsvater reicht,  wenn ich mich in einer Pause völlig fertig zu ihm auf die linke Seite drehe. Er reicht mir die Flasche, wie ein Trainer am Rand eines Boxrings. Sein Gesicht zu sehen tut gut, ihm scheint mein Gesicht weniger gut zu tun. In Sorge bilden seine Augenbrauen ein Dach. Sie müssen zur Toilette gehen, fordert das Krankenhaus. Andernfalls legen wir Ihnen einen Blasenkatheter. Die volle Blase nehme zu viel Platz ein. Der kleine Körper komme da nicht herum. Aber ich schüttele den Kopf. Ich kann nicht zur Toilette, das weiß ich. Woher auch immer ich das weiß. Ich bin mir sicher, dass ich auf der Toilette nicht tun werden kann, was man normalerweise auf einer Toilette tut, denn ich habe keine Kontrolle mehr über das Tun meines Unterleibs. Und ich will nicht aufstehen. Nicht raus, bloß nicht raus, aus der Position, in der ich seit Stunden Wehe um Wehe annehme. Die immer gleiche Position ist wichtig für mich. Sie ist etwas, auf das ich mich verlassen kann, ein kleines, ein winziges Stück Berechenbarkeit. Aber das Krankenhaus zwingt mich zur Toilette. Auf dem Weg versagen meine Knie den Dienst. Soviel Schmerz können sie nicht tragen. Der Kindsvater und das Krankenhaus ziehen mich an den Händen hoch, ziehen mich weiter, stützen mich, bis ich über einer Toilette stehe und keinen Tropfen verliere. Ich kann es nicht mehr. Ich habe den Befehl vergessen. Ich habe es gewusst.

Ich liege in Embryonalstellung am Fußende eines Kreißsaalbettes und fürchte, mir platzt der Po. Der Schmerz im Becken ist dem Gefühl einer analen Verstopfung gewichen. Nur bin ich es nicht selbst, die versucht zu pressen. Mein Körper presst allein. Man selbst würde den Befehl zu pressen niemals herausgeben, denn die Verstopfung fühlt sich so massiv an, dass man ahnt, man reiße sich den Körper ein, presse man sie heraus. Die dem Ich eigene Neigung zur Schmerzvermeidung würde da nicht mitmachen, niemals. Aber dem Körper sind die Schmerzen, die das Ich empfindet, egal. Er presst, und das Krankenhaus fordert einen auf mitzumachen. Pressen Sie, pressen Sie! Es ist selten, dass sich das offenbar Richtige so falsch anfühlt. Ich will nicht. Ich weigere mich.

Es ist ein Satz, der mich rettet. Das Krankenhaus sagt ihn, in einem Moment in dem ich nichts mehr bin außer schmerzverzerrter Leere. „Ich kann das Köpfchen schon sehen“, lautet der Satz, und das Wort „Köpfchen“ spielt in ihm eine entscheidenen Rolle. Nie wieder wird das Baby ein Köpfchen haben. Direkt nach der Geburt hat es einen „Kopfumfang“, und wenn ihm Blut entnommen wird, wird ihm das auch aus dem „Kopf“ entnommen. Ein „Köpfchen“ hat ein Baby nur während der Geburt. Es ist das 99 Cent des Gebärens. Denn nein, natürlich geht da kein Kopf durch Ihren Unterleib. Es ist nur ein Köpfchen, und das kann man schon mal zwischen den Beinen stecken haben. Einen Kopf nicht, das wäre so schmerzhaft, dass es entweder makaber scheint, oder eben wie eine gänzlich andere Situation, eine, die dem Fuck sehr nahe steht.

„Ich kann das Köpfchen schon sehen.“ Der Satz dringt zu mir durch, weckt mich auf. Der Schmerz könnte ein Ende haben. Jetzt. Es ist diese Hoffnung allein, die mich antreibt, mir selbst weh zu tun, zu pressen mit einer Kraft, die ich eigentlich gar nicht mehr haben dürfte, aber ich habe sie. Und ich atme. Und drücke. Und presse. Und lasse es zu. Ich lasse es zu, mich selbst zu zerstören. Ich gebe mich hin, ich falle zurück.

Es ist 12.56 Uhr, als der kleine Körper zum ersten Mal alleine atmet.