Über die neue Tagesschau

Es gibt wohl kein Geräusch, das mich so sehr an meinen Großvater erinnert wie der Gong der „Tagesschau“. Um 20 Uhr brauchte ich gar nicht versuchen, ihn anzurufen. Und tat ich es doch, ging meine Großmutter an den Apparat, leise flüsternd, mit einer Hand über der Muschel. „Aber die Tagesschau kommt doch jetzt dran!“ Gong und Fanfare hörte ich im Hintergrund, das Gespräch wurde rasch beendet. In der heiligen Viertelstunde des Tages, da störte man nicht. Die „Tagesschau“ war der Zeitmesser des erwachsenen Alltags meines Großvaters. Als Deutschlands älteste Nachrichtensendung 1952 zum ersten Mal auf Sendung ging, und Cay Dietrich Voss die Sendung unsichtbar aus seiner Sprecherkabine präsentierte, da war er 24 Jahre alt und gerade verheiratet. Am 2. März 1959 als Karl-Heinz Köpcke der erste Kopf der Nachrichten wurde, war er bereits dreifacher Vater, aber wieder saß er im Sessel.

Meine Großmutter musste das einrichten, in der Zeit zwischen acht und viertel nach, da hatte er den Rücken frei. Als Dagmar Berghoff als erste Frau die „Tagesschau“ verlas, verließen seine Töchter zum Studieren die Stadt. Seit 2005 hing die Urkunde des Bundesverdienstkreuzes am Bande neben dem Fernsehgerät des Beamten. Als die „Tagesschau“ zum erstem Mal nicht mehr im Sitzen moderiert wird, ist mein Großvater längst im Ruhestand. Als Jens Riewas „Bodenfrosch“ sagte Die Ankündigung vor anderthalb Jahren, dass sich die „Tagesschau“ bald im neuen Gewand präsentiere, moderner, emotionaler, tiefenschärfer, die hat er noch mitbekommen. Es war wenige Monate später, als man ihn plötzlich um 20 Uhr erreichen konnte. Es war letztes Jahr im Herbst, als er gar nicht mehr einschaltete. Er war letztes Jahr im Herbst, als er starb. Die „Tagesschau“ im Ersten taktete nicht nur den Alltag meines Großvaters, sie taktet den nachrichtlichen Alltag unser Nation. Das klingt ernst, und das ist es auch. Die Verlesung des Weltgeschehens aus Hamburg-Lokstedt ist eine so ernste Sache, dass sie 2000 den „Deutschen Comedypreis“, in der Kategorie „Unfreiwillige Komik“ erhalten hat, weil Jens Riewa mal, hihi, statt vom ersten Bodenfrost, haha, versehentlich vom ersten „Bodenfrosch“ sprach. Und die Dagmar Berghoff doch den WTC, also den World Tennis Cup, mal zum WC Turnier erklärte. Hoho, hihi, haha. Es soll noch mal einer sagen, die Deutschen verstehen keinen Spaß.

Nein, die „Tagesschau“ ändert man nicht radikal. Schaut man sich die Studios im Verlauf der Zeit an, stellt man fest, dass die Umstellung von Schwarz-Weiß zum Farbbild, die größte Änderung war. Der Gong ist jetzt vielleicht einen halben Ton höher, die Fanfare etwas majestätischer, die Ansage etwas cineastischer, die Kamerafahrt auf den Sprecherkopf, jetzt etwas imposanter. Denn die Hintergrundoptik, die ist jetzt so lang wie ein Finnwal, das zweitgrößte Tier der Welt, und doppelt so lang wie ein großer, deutscher Wohnwagen. 18 Meter. Sieben Projektoren bespielen das Panorama künftig mit Krieg, Krisen und Kaltwetterfronten, mit HD und 3D, mit Film, Foto und Grafik. Mit HD-Technik für Social-Media-Nutzer. Doch der Fernsehausschnitt – Jan Hofer im Anzug, vor blauer Binde, am rechten Bildschirmrand – er war doch derselbe. Und in ein paar Tagen schon wird man glauben, alles sei nie anders gewesen. So wie man die alten Studios und Eva Herman schon längst vergessen hat. Die Kritik an den hohen Kosten, wird bald den Wert einer Nachricht von vor zwei Wochen haben. Würde mein Großvater noch leben, er würde auch diese 23,8 Millionen teure Änderung mitnehmen. Man hätte sie ihm nicht vergällt. Aber für ihn war diese Änderung ohnehin nicht gedacht. Er sollte sie nur nicht zu sehr bemerken. Mithalten hat man wollen mit den jungen HD-gewohnten Social-Media-Nutzern. Für die, die Inhalte jeden Tag eh nur eine Wiederholung der Facebook-Statusnachrichten ihrer Freunde und Twitter-Feeds ihrer Kollegen sind. Für sie war die fettere, die tiefenschärfere, die cineastischere Verpackung gedacht. Das Kino trat der Piraterie mit 3D entgegen, die „Tagesschau“ versucht es zunächst mit HD. Vorwurf: verschwendete Gebühren Und doch sind es vor allem die Onliner, die auf den neuen verästelten Nachrichtenkanälen, den einen neuen alten linearen Hauptstrom kritisieren.

Da ist diese Ansagerin, die Claudia Urbschat-Mingues, die auch die Angelina Jolie für das deutsche Kino synchronisiert, die ihnen den Eindruck vermittle, „dass Lara Croft Willy Brandts Bericht zur Lage der Nation ankündige“. Bloß keine Modernisierung der „Tageschau“. Auch nicht für die Deutschen, die ohnehin alle zwei Minuten auf „Aktualisieren“ klicken. Andere finden es zu „groß“, zu „protzig“. Nachrichten könnte man doch auch aus einer Scheune verlesen. „It’s german austerity“ würde der Amerikaner sagen. Der selbst auferlegte Sparzwang, der uns im Ausland berühmt und in Europa so stark macht. Wieder andere sehen gar keine Veränderung, twittern sorgenvoll von verschwendeten Gebühren. Das ist nur logisch, dass sie das tun, denn seit diesem Jahr müssen sie sie unausweichlich zahlen. Meinen Großvater hätte all das nicht erregt. Trotzdem hätte er nach der „Tagesschau“ am Ostersamstag sofort zum Hörer gegriffen: Eine seiner Töchter lehrte jahrelang an der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim.

(Erschienen 20.04.2014, Die Welt)